Kurzes Nachwort

Wenn ich ehrlich bin – eigentlich müssten wir mit dem Schreiben des Buches wieder von vorne anfangen. Immer noch ergeben sich neue Aspekte über Jean Paul und seine Zeit. Es hört nicht auf. Dennoch haben wir uns entschieden, das Werk jetzt abzuschließen – nicht, weil es vollkommen wäre, sondern aus Notwendigkeit. Die Überarbeitungszeit seit der ersten Online-Veröffentlichung 2018 dauert nun auch schon acht Jahre. Dazwischen gab es zudem Corona und einen Umzug. Nun muss das Buch einfach raus – schon allein wegen unserer Nerven. Denn produziert haben wir es, sozusagen, in »Wutzscher Selberdruckerei«.

 

Inhaltlich war es stets unser Bestreben, zum Kern dessen vorzudringen, was die richtige Antwort auf die Frage »Warum ist Jean Paul verschwunden?« wäre. Die Suche nach der Antwort war jedoch extrem anstrengend, weil Jean Paul offenbar nur im geschlossenen Kreis der Literaturwissenschaft stattfindet.

 

Ich bin Filmemacherin – also kann ich Jean Paul quasi »aus meinem Schneideraum« heraus verstehen. Hier schaue ich ständig auf Monitore. Einer zeigt die Oberfläche meines Schnittprogramms. Im Wesentlichen besteht es aus der Organisation unendlich vieler Tracks – den Bild-, Effekt-, Titel- und Tonspuren. Mit dem über alle Tracks laufenden Playhead kann ich im zweiten Monitor den fertigen Film simuliert anschauen – so, wie ihn die Zuschauer später sehen werden. Die Zuschauer sehen jedoch nur das gleichzeitige Zusammenspiel aller Tracks, während ich jeden einzelnen kenne. Diese Tracks einzeln zu bearbeiten, zusammenzustellen, zu timen, zu matchen usw. ist meine Aufgabe und mein Arbeitsgeheimnis zugleich. 

 

Also, wenn ich irgendein Werk sehe, kann ich immer die »Tracks dahinter« erahnen: wie viele es sind, woraus sie bestehen und ob sie gut zusammenspielen. Man könnte natürlich auch von Erzähl-Ebenen sprechen, aber ich bleibe beim Film. Und hier würde ich sagen, Jean Pauls »Film« besteht aus unendlich vielen und verschiedenen Tracks, die so organisch, natürlich und lebendig zusammenwirken, wie ich es noch nie zuvor bei irgendeinem Werk erlebt habe. Bei Jean Paul ist es immer tief, intensiv, nachklingend, heiter, ewig und warm.

 

Deshalb ist sogar in seinen kleinsten Werkchen, wie der »Selberlebensbeschreibung« oder in seinem »Wutz«, auch alles drin: Stühle um den Ofen, Schwedenzeit, Dr. Fausts-Mantel, Schnee-Vorhänge, Lavaters Fragmente, Taschendruckerei, Querfolio, Morgenflut des Lebens, Schillers Räuber, Groschen und Pfennige, Christi Tränen, Blütenkelche, Abendglocken, Nachtigallen, ein wogendes Zudeck, Betteljungen, … und so etwas wie »schiffe fröhlich über deinen verdünstenden Tropfen Zeit, du kannst es«.

 

Sicher, das steht auch in anderen Geschichten anderer Schriftsteller. Aber bei Jean Paul ist es der Playhead, der alles zur gleichen Zeit darstellt. Alles in einem einzigen Satz.

 

So ist es mir unverständlich, dass Jean Paul bis heute von der akademischen Abteilung – sage ich mal – als Sonderling, als armer Schlucker, als ewiger, wehrloser, kleinbürgerlicher Loser dargestellt wird und als jemand gilt, dessen komplexe und antiquierte Sprache für unsere moderne Zeit und ihre Schüler eine Herausforderung darstellt. Als schwer zugänglich und überflüssig. Unzumutbar also. 

 

Ehrlich – so schlimm? Nein! Schriftstellerkollegen schätzen ihn so sehr, dass sie ständig bei ihm klauen. Allerdings wird dann das Geklaute so geschickt kaschiert, dass man die Quelle nicht mehr erkennt – oder, wie es im »Wutz« so schön heißt, »wo Bartel Most holt«. Kann man ja auch nicht, weil nur wenige die Quelle überhaupt kennen. So soll es wohl auch bleiben. 

 

Heute sagt man zu solch einem Autor »Writers’ Writer«. Das klingt zwar wie eine Auszeichnung, wie »das muss ja dann ein Super-Autor sein!«, ist aber in Wirklichkeit – wenn er deshalb aus Gründen der Geheimhaltung vor dem Markt versteckt wird – eher eine Art Todesurteil. Aber auch ein Writers’ Writer selbst schreibt wie alle anderen Autoren nicht für seine Kollegen, sondern für uns Leser.

 

 

Egal. Ein paar Gedankenfetzen zum Schluss.

 

Die Romantiker meinen, dass der Kick des Abenteuers das Größte sei, nach dem man suchen solle. Für Jean Paul ist es die Vorfreude auf die Freude, wovon das Verliebtsein die größte aller Vorfreuden ist. Die allergrößte Freude jedoch ist die Liebe zu den Mitmenschen. Nur darum geht es bei Jean Paul, in jedem seiner Werke. 

 

Das Thema Nächstenliebe habe ich bei den Romantikern seltsamerweise nicht gefunden. Dafür sprachen sie aber viel über Kulturanspruch, Kulturschaffung und Kulturtheorien. So auch Goethe. Wer sein Leben und Werk betrachtet, sieht im Kern nur einen Provokateur.

 

Jean Paul kann man gut verstehen, ohne ihn sich draufgeschafft zu haben! Die Rollwenzelin wusste das und verehrte ihn genau deshalb.

 

Im Schulunterricht könnte man Jean Paul immerhin als den Superhelden vorstellen, der als nahezu Einziger den Romantikern getrotzt hat. Seine Stoffe sind eigentlich geiler als der ewige griechische-Götter-Mist oder der alte-weiße-Männer-Faust.

 

Jean Paul ist der Coolste. Vielleicht das beste Elixier, um diese Welt zu überstehen.

Die Dörfer, die Städte, das Erdengetümmel schwanden hin, und nur die Sterne und die Berge blieben der Liebe. – Die Welt schien ihnen die Ewigkeit, die Sterne gingen nur auf und keine unter. – Endlich stieg der Stern der Liebe wie ein kleiner hellblinkender Mond im Morgen auf, die Morgenröte glühte ihnen entgegen, und die Sonne zog in die Rosen-Glut hinein. – Hinter ihnen über den Bergen, wo sie sich gefunden hatten, wölbte sich ein Regenbogen hoch in den Himmel. Und so kamen sie an, eine Seele in die andere gesunken, den Nachtschimmer in den Tages-Glanz ziehend, und ihre Blicke waren traumtrunken.

 

O Schicksal, warum lässest du so wenige deiner Menschen eine solche Nacht, ach nur eine Stunde daraus erleben? Sie würden sie nie vergessen, sie würden mit ihr als mit dem Frühlings-Weiß und Rot die Wüsten des Lebens färben – sie würden zwar weinen und schmachten, aber nicht nach Zukunft, sondern nach Vergangenheit – und sie würden, wenn sie stürben, auch sagen:

auch ich war in Arkadien! –

 

Warum muß bloß die Dichtkunst das zeigen, was du versagst, und die armen blütenlosen Menschen erinnern sich nur seliger Träume, nicht seliger Vergangenheiten? Ach Schicksal, dichte doch selber öfter!

 

Jean Paul »Dr. Katzenbergers Badereise«