Sie ist interessant. Nirgends habe ich sie so kompakt beschrieben gefunden wie in Kurt Wölfel und Thomas Wirtz »Jean Paul – Ideen-Gewimmel. Texte und Aufzeichnungen aus dem unveröffentlichten Nachlaß.«
… Der materiale Bestand des Nachlasses [Handschriften seiner Werke, Briefe, Notizen/Exzerpthefte/Tagebücher] selbst verblieb zunächst im Besitz der Familie, kam später in die Obhut des neugegründeten Germanischen Museums in Nürnberg, das ihn einige Jahre aufbewahrte und dann »aus Platzmangel« zurückgab. Über die Bayerische Staatsbibliothek in München, die den Kauf aber ablehnte, kam er 1888 in die Berliner Preußische Staatsbibliothek, die ihn für 1 000 Taler erwarb. Dort begann in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts Eduard Berend, der Initiator und erste Editor einer historisch-kritischen Ausgabe von Jean Pauls Sämtlichen Werken, seine Erschließung. Berend gab in einer II. Abteilung der Sämtlichen Werke von 1929 bis 1936 fünf Nachlaßbände heraus, die die bereits ausgearbeiteten, aber zu Lebzeiten des Autors unveröffentlicht gebliebenen Schriften enthielten. Als er 1938 seine Arbeit wegen »rassistischer Unzulänglichkeit« (Berend über Berend) nicht mehr fortsetzen durfte und aus Deutschland fliehen mußte, markierte das über ein halbes Jahrhundert hin das Ende aller weiteren Nachlaßeditionen. Dieser selbst wurde in den Kriegsjahren ausgelagert [aus Schutzzwecken in ein Bergwerk in Ostdeutschland] und galt nach 1945 als verschollen [von den Russen beschlagnahmt]. Dann tauchte er in Moskau wieder auf und wurde 1958 von den Russen an die Berliner Staatsbibliothek (damals »Ost«) zurückgegeben, die ihn heute aufbewahrt. Ende der achtziger Jahre wurde die philologische Arbeit an der Herausgabe weiterer Texte des Nachlasses wieder aufgenommen; […] …
Nach 1990 wurde die Deutsche Staatsbibliothek mit der Westberliner Staatsbibliothek zur Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz zusammengeführt. Dort befindet sich bis heute der größte und wichtigste Teil von Jean Pauls handschriftlichem Nachlass, darunter fast alle Exzerpthefte.
Die Tatsache, dass die DDR-Schriftstellerkollegen Günter de Bruyn und Wolfgang Harich so viel über Jean Paul geforscht und geschrieben haben, hängt damit zusammen, dass sich Jean Pauls Nachlass in dieser Zeit in der DDR befand. Die beiden Autoren nahmen das 150. Todesjahr Jean Pauls zum Anlass, eine Biographie bzw. eine Werkinterpretation zu verfassen.
Kurt Wölfel (1927–2021) – von 1966 bis 1997 Vorsitzender Jean Paul Gesellschaft e. V. in Bayreuth
Thomas Wirtz – Bandherausgeber der zweiten Abteilung der Sämtlichen Werke Jean Pauls