
Bayreuth – Maxstraße – Friedrichstraße Nr. 5
Den kompletten Verlauf des Jean-Paul-Wegs finden Sie hier: Literaturportal Bayern
Weitere Informationen über Jean Paul und Bayreuth: Literaturportal Bayern – Dichterwege. Auf den Spuren von Jean Paul
Siehe auch: Historische Innenstadt von Bayreuth
Wenn man die moderne Welt ausblenden könnte – die Asphaltstraßen, die Autobahnen, die Gewerbegebiete, die Windräder, die Strommasten, all das –, dann erschiene auch uns die Landschaft rund um Bayreuth und das Städtchen selbst als vollkommen und lieblich. Auch der Blick von der A9 am Bindlacher Berg hinunter ins Tal, auf die weite Ebene von Bayreuth, wäre dann ebenso erhebend, wie er wohl dem jungen Jean Paul bei seiner ersten Ankunft erschienen sein muss. Bayreuth und sein Ländchen – ein hinreißendes Idyll. Er, der aus dem kargen, kalten Hof – das ohne Schloss und Park war – hinunterreiste in die Offenbarung dessen, was alles in dieser Welt möglich sein konnte.
Aus Philipp Haussers »Jean Paul und Bayreuth« über das Bayreuth jener Zeit: … Unmittelbar geöffnet hatte sich der gotische Stadtkern nur nach Osten zu einer harmonisch mit dem Alten sich verbindenden barocken Neustadt mit den Prachtstraßen der Friedrichstraße und entlang dem Neuen Schloß. Dessen Hofgarten wiederum war nur ein Landschaftsfinger aus der Stadt in die Weite.
Bayreuth übertraf an Größe Weimar, Meiningen und Coburg, von anderen Kleinresidenzen zu schweigen, die Jean Paul (später) besucht hatte. Dabei zählte es kaum zehntausend Bewohner in wenig mehr als achthundert Häusern. Diese, soweit nicht im mittelalterlichen Mauerring gelegen, zeigten durch vielfache Verwendung des Hartmannsreuther Sandsteins nicht nur Details, sondern für ganze Fronten, großzügige Würde und Schönheit, so daß sie alles übertrafen, was Jean Paul bisher an Häusern gesehen haben mag. […] Neben solchen selbstbewußten Bürgerhäusern standen das Neue Schloß, aber auch Wilhelminens Opernhaus, …
Renate Wirth – der junge Verheißungsengel in Bayreuth
Kommen wir zu Renate Wirth aus Hof. Renate Wirth war eine enge Freundin des jungen Dichters. Die beiden schrieben sich gerne und viel – und ein wenig Flirt war wohl auch im Spiel. Renates Mutter, eine Frau Postmeisterin, war die Tochter des Geheimen Hofkammerrats Seidel aus Bayreuth. Zu Kirchweihen und kleinen Tänzchen besuchte die Postmeisterin per Kutsche – begleitet von ihren Töchtern und Christian Otto – den jungen Jean Paul in Schwarzenbach. Der angehende Dichter und Renate, sie damals fünfzehn Jahre alt, standen sich sehr nahe. Renate reiste immer wieder zu ihrer Tante nach Bayreuth, blieb dort eine Weile und führte einen regen Briefwechsel mit Jean Paul. Natürlich erzählte sie in ihren Briefen von dem schönen Städtchen, den Menschen dort, den Stelldicheins und von der Eremitage. Sie brachte Jean Paul dazu, selbst nach Bayreuth zu reisen – und dass er sich in alles hier verliebte.
Renate Wirth ist aber auch der Verheißungsengel neuer, immerwährender Freundschaft. Bei Hausser heißt es: … So kam der Dichter schon bei seinem nächsten Bayreuther Besuch schon Anfang September 1793 auch zu dem Mann, mit dem Renate von ihren Bayreuther Aufenthalten her gut bekannt war und der neben Christian Otto Jean Pauls engster Freund werden und ihn nicht zuletzt zeitlebens an Bayreuth fesseln sollte: Emanuel, der später auf Richters Betreiben den Zunamen Osmund annahm. …
Emanuels Vater Samuel war aus Altenkunstadt und stieg vom jüdischen Hausierer zum wohlhabenden Handelsherrn auf. Emanuel vermehrte dann das Familienvermögen und zählte schon bald zur Wirtschaftselite des Fürstentums Bayreuth. Zeitweise besaß er die Rittergüter Weiher, Neidenstein, Freienfels und Kainach – alle in der Umgebung von Hollfeld gelegen. Zudem war er ein gebildeter Mann und ein überzeugter Verfechter der Aufklärung. Mehr über Emanuel Ostmund.
Der neue Freund Emanuel Osmund in Bayreuth
Hausser: … Er [Emanuel] wohnte in der Friedrichstraße (wahrscheinlich Friedrichstraße 6 oder 8; ganz sicher läßt es sich nicht ermitteln). Schon als junger Mann zeigte er nicht nur nach dem Urteil Jean Pauls außerordentlichen Anstand und Würde in Erscheinung und Handlungsweise und es liegt nahe, daß gerade dies im Zusammenhang mit dem orthodoxen Judentum (dem er bis an sein Ende anhing) 1792 zu einer schweren Mißhandlung durch zwei Offiziere geführt hatte, wodurch Emanuel zeitlebens schwerhörig und zum Gebrauch eines Hörrohres gezwungen war. […]
Seine [Emanuels] Briefe, zumal wenn er zu Dritten von Jean Paul spricht, berühren gerade dadurch so angenehm, daß ihnen der Richterische Überschwang gänzlich fehlt. Geschickt in allen praktischen Dingen des Lebens und als freundschaftlicher Helfer immer zweckvoll bemüht, war er dabei sehr belesen, an Philosophie interessiert und vor allem […] von gesundem Menschenverstand erfüllt. Christian Otto hingegen, als Schriftsteller auch von Jean Paul freundschaftlich überschätzt, […] Auch er war nach Bayreuth gezogen, als sich Richter 1804 endgültig in der Stadt niederließ. Beide Freunde bildeten mit dem Dichter eine Art Dreieinigkeit, zu der sich andere nur im Abstand von Heiligengestalten gesellten. […]
Im September 1793 also schreibt Jean Paul aus Bayreuth an Renate: »Es gießet der Himmel jetzt, und meine Feder solls auch so machen. Der ganze Tag steht vor mir hin mit lauter Visitten wie mit Trachten besetzt – Es ist nichts Schöners als so (wie ichs mache) zur Thüre hineinfahren – die Person zum ersten mal sehen – ihr einen geliebten Brief hingeben – in drei Minuten bekannt werden – in fünf Minuten lustig werden – und in achten verliebt – – […]
Du liebes Baireut, auf einem so schön gearbeiteten, so grün angestrichenen Präsentierteller von Gegend einem dargeboten, man sollte sich einbohren in dich, um nimmer heraus zu können – …
Ich schreibe so lange es regnet, damit ich mich um den ganzen Himmel nicht scheere und meine Heiterkeit ohne die seinige behalte. – – Gestern ging ich unter Finsternis, Regen und Musik der Vogelschützen-Armee zum guten, guten – – – Mandel [Emanuel]! …
Unser theuerer Mandel hört ohne Hörrohr, wenigstens mein Sprachrohr, und braucht die Krücke wie wir den Stock, zu nichts. Er ist kein Jude, sondern ein Philosoph – und den Offizieren hätte man in ihrer Jugend so viel Verstand einprügeln sollen als sie ihm ausprügelten. Diese schöne Seele sollte nichts feil haben als – Wahrheiten … […] Wir disputierten fast blos – ich konnte gar nicht fort – ein alter Jude mit einem Barte so lange wie ein Kometenschwanz kam dazu und sprach dazu recht gut – Sein erstes Wort klang Renata – Seine edle Wärme für Sie ist so groß, daß ich nicht weiß, welches schöner ist, die Wärme zu empfinden wie er oder zu verdienen wie Sie …« […]
Der Grundstein für Jean Pauls Bayreuth-Liebe war gelegt. Mit Renate kommt es in den nachfolgenden Monaten zu Eifersüchteleien. Der Dichter dachte in jenen Jahren an keine dauernde Verbindung, und Renate heiratete schließlich Christoph Otto, einen Bruder des Freundes Christian, […] …
Jean Paul kannte seinen besten Freund Emanuel Osmund also schon lange bevor er nach Bayreuth zog. Und es war Emanuel, der ihm später bei der Suche nach einer passenden Wohnung behilflich war. Osmund selbst wohnte in der Friedrichstraße Nr. 6 oder 8. Jean Paul konnte – nach mehreren Umzügen innerhalb der Stadt – schließlich in Hausnummer 10 einziehen und blieb dort von 1808 bis 1811. Sie waren Nachbarn und schrieben sich täglich kleine Briefchen, manchmal sogar mehrmals am Tag. Das mag uns heute sonderbar erscheinen, war damals jedoch völlig normal. Es gab ja noch kein Telefon.

Vor dem Haus Friedrichstraße 10 befindet sich Stationstafel 122.
Jean Paul und sein Kardinalfreund
Emanuel Osmund
Schon lange bevor Jean Paul nach Bayreuth zog, lernte er 1793 den besten Freund seines Lebens kennen, der selber u. a. in der Friedrichstraße 8 wohnte, während Jean Paul 1808‒1811 hier in Haus Nr. 10 und 1813‒1825 in der Friedrichstraße Nr. 5 in seiner Nähe blieb.
Emanuel Samuel (später Osmund, geb. 1766 in Altenkunstadt, gest. 1842 in Bayreuth) war gläubiger Jude und erfolgreicher Kaufmann und Bankier – und als Herzensfreund ein Mensch, der viele Wünsche des Dichters erfüllte, etwa zahlreiche Bierlieferungen. Antisemitismus gab es damals schon und so wurde er 1792 von zwei Bayreuther Offizieren misshandelt und blieb von da an schwerhörig.
Eine solche Seelenfreundschaft zwischen Christ und Jude war also eine Seltenheit. Die Freundin Charlotte von Kalb wünschte, dass alle Christen wie dieser Jude seien. 1813, als die bayerischen Juden per Gesetz Nachnamen vorweisen mussten, suchte Jean Paul seinem Freund den Nachnamen »Osmund« aus dem Lexikon heraus, worüber dieser sich mokierte: »Kann ich nur das Maul zur rechten Zeit halten, so werden mir meine zwei Munde nichts schaden, umso weniger, als unser Richter mir diesen Namen gegeben.«
Und hier Jean Paul im Zitat:
[…] Ich und Sie gehören zusammen – unsere Bekanntschaft ist kurz, aber unsere Verwandtschaft ewig – […]
Hof, 30.10.1794
[…] Was mir in Ihrem Tagebuch ausser dem philosophierenden Geiste darin so wol tat, ist Ihre Toleranz mit allen Menschen, mit ihren Schwächen, mit fremden Schlägen, mit eignen Schmerzen. […]
Hof, 9.2.1795
Ich wünschte, Sie theilten mir statt einzelner Samenperlen Ihrer Rabbinen eine ganze Halsschnur in Drukpapier eingewickelt zu. Leider hab’ ich mehr über als von den Juden gelesen: […] […] ich beklag es, daß ich die Unterdrückten fast blos aus dem Munde der Unterdrücker kenne – […]
Hof, 3. 4. und 15.4. 1795
[…] Ihnen hab’ ich nicht blos Freuden sondern auch Menschen zu danken. Mög’ auch Ihnen der Himmel immer beides geben, da Sie mit einer Wärme lieben, die zu gut ist für die aus Eisbergen gehauenen Menschenstatuen um uns her. […]
Hof, 3.5.1795
Möge Gott Ihnen von den Freuden, die Sie andern geben und wünschen, recht viele in Ihr Herz zurückkehren lassen […] Meine ganze Seele liebt Sie unveränderlich, heiß, fest und ewig!
Bayreuth, 26.6.1813
Nach Jean Pauls Hochzeit mit Karoline Mayer im Jahr 1801 in Berlin zieht das Ehepaar jedoch zunächst nach Meiningen, wo ihre erste Tochter Emma geboren wird. 1803 folgt der Umzug nach Coburg, wo ihr Sohn Max zur Welt kommt. Als Jean Pauls Entscheidung feststeht, nach Bayreuth in die Nähe seiner Freunde Emanuel und Otto – und an die Quelle des guten Bieres – zu ziehen, können alle Parteien den Umzug kaum noch erwarten.
Bayreuth und Bier, ich komme!
Philipp Hausser: … Die Ankunft einer der letzten Bierfuhren aus Bayreuth weckt neben Entzücken sogar gute Vorsätze: »Aber bin ich nur einmal in Bayreuth: so soll ein ganz anderes Mäßigkeits-System anfangen. Himmel, wie werd’ ich trinken, und doch mäßig! – «
Beide Freunde bieten Bayreuther Wohnungen an. Emanuels Logis mit dem Garten will er wählen. Dann gefällt ihm ein Mansarden-Quartier am Main besser, wenn keine Stubenmauer darin schief und es unter dem Dache nicht zu heiß sei. Niedliche, lichte, lustige Zimmer wie in Meiningen will er haben. Aber nur mieten, nur zu, wenn man vom Fenster aus Berge sehe! So schnell finden die Freunde nichts Passendes. Sie kennen den Mieter, der dann in Bayreuth siebenmal umziehen soll. Richter mahnt, er müsse am 1. August – wo nach der alten Sage der Teufel vom Himmel gefallen sei – das Quartier beziehen, das man ihm leider noch nicht habe machen können. Man schreibt schon den 21. Juni.
»Lieber Emanuel! und Hiob! Die Hiobspost des Logis martert Sie und mich. Ich bleibe nicht hier und sollte mich die Noth nach Nürnberg oder Erlang[en] jagen. Könnte man denn auf meine Kosten die Frage ins Zeitungsblatt inserieren? Thuts! – Eine Magd – bei Gott, es ist zu arg – brauchen wir auch; da die Mutter ihre herrliche Tochter mit einem Madonnengesicht … und mit einem durchaus vollendeten Betragen nicht mitziehen lässet.«
»Ich bitt’ um Quartier«, fleht Richter am 26. Juni. Es wird höchste Zeit für eine Erlösung. Endlich, am 21. Juli, kann sich Jean Paul erleichtert bei Emanuel bedanken: »Lieber Alter! Nun ist denn alles ins Reine. Der Himmel gebe nur, daß wir Ihnen in Bayreuth nichts mehr zu machen brauchen als Vergnügen und sehr wenig Plage … Ich wollte, mir würde von der ehrsamen Bierbräumeisterei ein Deputatus mit einem Schleifkännchen entgegengeschickt auf halbem Weg, um mich zu empfangen, so lechz’ ich …«
Emanuel, voller Ungeduld seine Richters erwartend, bittet inständig um weitere Beschäftigung bis zur Ankunft: »Brauchen Sie denn gar nichts, was man braucht? Caroline, sagen Sie!« Natürlich benötigt man Emanuel. Er soll also Schränke mieten, eine Bettstelle für die Magd, für Richter selbst einen »elenden, altväterischen, mit einer Schublade versehenen« Schreib- und Schmiertisch. »Um Gottes Willen keinen verfluchten zarten Sekretair von Mahagony!« Er sei eben ein Möbelverächter, wobei er nur sein geschmackloses Kanapee ausnehme. Nach vier Wochen sei die Augenlust auch am schönsten Möbel vorüber. »Ich kenne nur ein geschmackvolles, immer erfrischendes, gut fourniertes Möbel, die sogenannte Natur oder Erde.«
Am 12. August werde man in Bayreuth ankommen. Was in Coburg leider zurückbleiben müsse, sei der schöne Tintentopf. »Das erste, was ich in Bayreuth mache, ist gute Dinte; nachher Karten und Besuche und Geld … Mögen wir uns fröhlich wiederfinden und niemals fröhlich trennen!« »Dann ists – Gott weiß, auf wie lange Zeit oder Ewigkeit – mit dem Briefstellen vorüber; und das Billetstellen [Briefchen oder Zettel schreiben] stellt sich ein.« …
So zauberhaft! Man kann sich den Richterschen-Osmundschen Kosmos lebhaft vorstellen. So war es also, als … Jean Paul mit Familie und Spitz am 12. August (1804) gegen vier Uhr nachmittags in der Kutsche einfuhr, den Packwagen hinter sich. …
1804 – Jean Pauls erste Wohnung in Bayreuth: Maxstraße Nr. 9
… Jean Paul war in die älteste der drei damaligen Bayreuther Prachtstraßen gezogen, auf den Markt, in das Palais der Justizratswitwe Münch (jetzt Maxstraße 9). …
Philipp Hausser »Jean Paul und Bayreuth«
Jean Pauls Wohn-Chronologie folgend – im Gegensatz zum Jean-Paul-Weg durch die Stadt – ziehe ich hier nun Stationstafel 124 vor.
Im herrschaftlichen Palais
Am 12. August 1804 zog der Dichter mit seiner hochschwangeren Frau Karoline Mayer, den Säuglingen Emma und Max und einem Spitz nach Bayreuth, zunächst in die Maxstraße 9, in das 1666 erbaute herrschaftliche Palais der Justizratswitwe Münch.
Hier bewohnte man sechs schöne hohe Zimmer und er zog sicher auch nach Bayreuth, weil hier seine beiden »Kardinalfreunde« Christian Otto und Emanuel Osmund wohnten, die ihm dieses Quartier vermittelt hatten. Für Bayreuth sprachen auch das gute Bier und die schöne Landschaft.
Schon am 13. August schrieb er an Emanuel: »An Sie die erste Zeile in Bayreuth! Guten Morgen! Ich hatte einen noch besseren, denn erst heute seh’ ich, wie herrlich mein Logis ist.«
Im November kam die zweite Tochter Odilie hier zur Welt und in diesem Haus entstanden immerhin der 4. Band des Romans »Flegeljahre« und Teile der großen pädagogischen Schrift »Levana«.
Dies sollte jedoch nur die erste seiner zahlreichen Bayreuther Wohnungen sein. Schon 1805 zog er hier wieder aus. Verschiedenen Versuchen, ihn für andere Städte zu erwärmen, stand er trotz der bis 1813 kriegsbedingten persönlichen Erschwernisse mit Einquartierung von französischen Soldaten ablehnend gegenüber, denn die Widrigkeiten hätten ihn auch andernorts erreicht. Frieden für längere Zeit fand er erst in der Friedrichstraße 5, im Haus der Bankiersfamilie Schwabacher, wo er von 1813 bis zu seinem Tod 1825 wohnte, Garten und Gartenlaube inklusive.
Vorweg sei erwähnt: Jean Paul wird in Bayreuth siebenmal umziehen.
Weiter bei Philipp Hausser: … Karoline hatte der kleinen Kinder und ihres eigenen Zustandes wegen – der dritten Schwangerschaft – nicht höher als im ersten Stock wohnen wollen, und Emanuel
hatte ihren Wunsch erfüllt, was die Verzögerung bei der Quartiersuche erklärt. Jean Pauls Bitte um Höhe und Blick auf Berge, um ein doppeltes Wolkenkuckucksheim, mußte da zurückstehen.
Was an Möbeln brieflich erbeten worden war, wartete schon in den sechs hohen Zimmern und wurde durch das Mitgebrachte ergänzt. Alles muß in kärglichem Kontrast zu den schönen Räumen gestanden
haben. Karoline konnte sich auch außerhalb Jean Pauls armseliger Studierstube, die meist sogar ohne Vorhänge blieb, selbst in ihrem eigensten Reich gegen den Hofer Enge- und
Bescheidenheitskomplex, den der Dichter für seine Person nie verlor, nicht durchsetzen. Teppiche kannte man ohnehin kaum. Die Weichholzdielen waren bestenfalls gestrichen, Parkett fand man fast
nur in Residenzen. Geschnitzte, geschweifte Möbel des Rokoko wurden auch in Deutschland, mit dem Louis-Seize-Stil als Vorboten, mehr und mehr von den glatten, etwas steifen Biedermeiermöbeln
abgelöst, […]. Die Pracht eines Goethe-Hauses hatte Jean Paul regelrecht verschreckt; nicht einmal dem bescheidenen Schein von Wohlhabenheit in einem Schillerschen oder Wielandschen
Domizil mochte er sich nähern. Es gibt zahllose Berichte interessierter oder auch enttäuschter Besucher darüber. Die Enttäuschung betraf auch den oft bespöttelten, nachlässigen Anzug, dem
Richter nach den kleinen Mode-Eskapaden jüngerer Jahre treu blieb. Karoline mochte mahnen und flehen. Mit der Zeit gab sie sich darein.
Natürlich mußten zunächst wieder Töpfe gekauft werden. Noch von Coburg aus hatte Jean Paul Emanuel über das zerbrechliche Gut geklagt: »Mich jammerte von jeher bei unsern Nomadenzügen nichts mehr als das Zurücklassen der schönsten Tiegel und Töpfe. Dem Himmel sei Dank, daß doch die Nachttöpfe von Zinn sind und zu transportieren.« …
Soviel Jammer!
Vieles entwickelt sich aber nicht so, wie es alle erhofft hatten. Die Kinder werden krank, besonders die jüngste Tochter Odilie. Wo medizinische Hilfe finden? Und was wäre dann überhaupt die richtige Therapie? Jean Paul erwartet dringend benötigte Honorarzahlungen, die nicht eintreffen. Es gibt viel Streit mit Karoline, und die Arbeit will auch nicht vorankommen. Und dann auch noch: … Des Jammers ist kein Ende. Der alte, kranke Spitz des Dichters war blind geworden und verirrte sich, kam wieder und lief endgültig weg. Dazwischen kaufte Emanuel geschwind einen Kanarienvogel – »er singt himmlisch« –, um den Freund von einem neuen Hund abzuhalten, weil er dachte: »Wer eine so liebenswürdige Karoline (die keinen Hund leiden kann), drei dergleichen Kinder und einen singenden Kanarienvogel hat, könnte wohl einen Spitz entbehren. Der Heinrich mußte aber gestern schon einen Spitz für zwei Gulden verschaffen. (P. S. der alte ist wieder da, also zwei.)« Die Gewöhnung an den neuen Hund fiel schwer. …, schreibt Hausser.
Eigentlich der ganz normale Wahnsinn einer jungen Familie mit noch ganz kleinen Kindern. Gott sei Dank kann ihnen niemand wirklich etwas anhaben – denn sie haben Emanuel. Und sie haben die Billets: … Aus den zahllosen Billets an Emanuel spricht die alte Herzlichkeit. Umgekehrt gehen immer Geschenke, die ersten Früchte, Blumenkörbchen an Karoline und die Kinder. Die Kleinen empfinden es gar als höchstes Glück, auf Emanuels Kanapee für ein paar Stunden abgeliefert zu werden. …, so Hausser weiter.
Dann wird es Sommer 1805.
Ein für Jean Paul sehr wichtiger Besuch kündigt sich an
Hausser: … Die Königin Luise kommt mit ihrem einsilbigen Friedrich Wilhelm nach Bayreuth und besucht die Luxburg bei Wunsiedel, die erst seither der Königin Namen trägt. Richter hat noch immer keine Pension, keinerlei Sicherung für seine Familie. Man kann verstehen, daß er auf »strenge Ökonomie« halten muß. Minister Hardenberg, alter Bekannter aus der Berliner Zeit, begleitet die allerhöchsten Herrschaften. Das ganze Fürstentum ist in Aufregung, und auch Jean Paul beteiligt sich an den schier nachbarocken Huldigungsspielen, mit denen man das Paar in der Luxburg besingt, mit einem »Wechselgesang der Oreaden und Najaden«, der aus den Felsenklüften tönt. [In der 12. Etappe »Die große Ode« war schon darüber zu lesen] Er hatte auch den Einfall gehabt, Thieriots [Paul Emil Thieriot, Violinist, Philologe und leicht versponnener Freund Jean Pauls] Geige dort tönen zu lassen, und wollte den Freund aus Offenbach holen, damit er den König »auf den zwei höchsten Bergen um Wonsiedel, die er samt Suite und Königin besteigt, mit einer wahren erhebenden Bergmusik … überraschen« könne. Durch Hardenberg könnt’ er alles so karten. Doch man mußte sich mit der Antwort begnügen, es sei kein Geld da, um Thieriot zu bezahlen.
Am Festtage wurde Jean Paul, der durch seine Aufgabe endlich wieder nach Wunsiedel gekommen war, nach der Mittagstafel durch Hardenberg dem König und der Königin präsentiert. Man kann sich ebenso vorstellen, was der amusische König beim Anblick des Dichters dachte, wie, daß trotz der gütigen Königin (deren Hochzeitsgeschenk, ein silbernes Kaffee-Service, sich in der kärglichen Bayreuther Wohnung kaum wohlfühlen konnte) von einer Pension keine Rede war. …
Jean Paul plagen also finanzielle Sorgen.
Weiter bei Hausser: … Zudem war er mit seiner Hauswirtin, der Justizrätin Münch, uneins geworden und hatte das Quartier wechseln müssen. Die alte Dame hat sicher nicht gewußt, wie sie der Dichter in seinen »Bemerkungen« verewigt hat: »Die gemeinen Seelen (z. B. die Münch), die Jahrzehnte lange in einerlei Perspektive des Erbärmlichen fortkrochen, finden eine wahre Wirklichkeit der Poesie, wenn sie nur in der Wirklichkeit plötzlich höher aufgerückt werden und z. B. einen Hof erblicken …« …
Ein kurzer Ausflug in die Geschichte
Um die Welt des Jahres 1805 besser einordnen zu können, unternehmen wir einen kurzen Ausflug in die Geschichte. Was ist gerade los in Europa? Im Jahr 1789 fand am 14. Juli der Sturm auf das berüchtigte Staatsgefängnis von Paris, die Bastille, statt. Das arme, hungernde, rechtlose Volk wehrte sich gegen den feudalen, absolutistischen Staat. Dies war der Auftakt zur zehn Jahre andauernden Französischen Revolution.
Es ging dabei um alles! Um Menschenrechte, um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – um Demokratie. Das erforderte die Abschaffung der Monarchie. Also Schluss mit dem Adel, dem alles gehörte, der so satt war, der keine Steuern zahlte, der nicht arbeitete und dennoch alle politischen Ämter besetzte. Schluss mit dem »Verarschen« des Volkes – man verzeihe mir diesen Ausdruck. Jetzt war es Zeit für die Durchsetzung der Aufklärung, für die schon seit Jahrzehnten Philosophen stritten. Aufklärung in Bildung, Wissenschaft und Forschung, mehr rationales Denken, mehr Toleranz, Naturrechte, Menschenrechte, Bürgerrechte – alles für alle. Eine neue Staatsform – die Demokratie, in der das Volk seine Regierung wählt – sollte das gewährleisten. Und Frankreich wurde zur Republik.
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben es bereits vorgemacht: 1776 mit ihrer Unabhängigkeitserklärung und 1787 mit der Verfassung. 1791 wurde der amerikanische Befreiungsprozess mit der Bill of Rights abgeschlossen – der Anerkennung unveräußerlicher Grundrechte auf der Basis von Werten der Aufklärung.
Der Vollständigkeit halber seien auch die tatsächlichen Folgen der Französischen Revolution erwähnt. Sie – oft verklärt als Geburtsstunde von Freiheit und Gleichheit – war in Wahrheit das Eintrittsticket des reichen Großbürgertums zur Macht. Ausgestattet mit den Segnungen der industriellen Revolution verantwortet es bis heute den entfesselten, selbstzerstörerischen Turbokapitalismus, der ganze Gesellschaften verschlingt.
Napoleon und das Schicksal Preußens
Aber zurück zur Französischen Revolution. Da sie erfolgreich war, fürchteten die feudalistischen Nachbarländer, sie könnte in Europa Schule machen. Um dieser Entwicklung zuvorzukommen, drohten sie mit Kriegen. Jetzt entwickelte sich im französischen Militär parallel ein kleiner Emporkömmling ganz prächtig: Napoleon Bonaparte (der nebenbei bemerkt am gleichen Tag Geburtstag hat wie ich – am 15. August). Er war ein militärischer Durchsetzer – sehr gefragt. Mit ein paar erfolgreichen Feldzügen löste er das Kriegsproblem mit den Nachbarn schnell.
In Frankreich konnte der dauersiegende Napoleon dann durch einen Staatsstreich und ein paar geschickt eingefädelte politische Intrigen Erster Konsul werden – und war damit Alleinherrscher, quasi ein revolutionärer Diktator. Und schlussendlich wurde er – durch eine »Volksabstimmung« legitimiert – auch noch Kaiser. 1804 krönte er sich selbst.
Zwar brachte er Frankreich wirtschaftlich nach vorne, gründete eine Staatsbank und führte ein modernes Rechtssystem ein, aber er, der große Napoleon, duldete keinen Widerspruch. Wen wundert’s?
Und es kommt, wie es kommen muss: Der Kaiser will mehr. Er will jetzt die Vorherrschaft in ganz Europa. In über sechzig Feldzügen geht er als Sieger vom Schlachtfeld! Die Großmächte Preußen, Österreich, Russland und Großbritannien, gegen die er kämpft, schließen sich immer wieder in Kriegs-Koalitionen zusammen, bleiben aber zunächst erfolglos. In der legendären Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt im Jahr 1806 müssen die Preußen eine verheerende Niederlage sowie im Folgenden tiefgreifende Veränderungen in ihren Kleinstaaten hinnehmen. Die von den Franzosen besetzten Gebiete links des Rheins werden als »Rheinbund« Frankreich unterstellt. Zahlreiche kirchliche Territorien, Reichsritter, freie Reichsstädte, Herzogtümer und Königreiche sind in ihren Rechten und ihrem Status extrem geschwächt. Die Grenzen ändern sich. Das Ende des Heiligen Römischen Reiches scheint nahe.
Dennoch – Jahre später wird auch der große Napoleon schlapp machen. 1812 wird ihm der Russlandfeldzug zum Verhängnis werden. Man wird sich nun in den Befreiungskriegen gegen Frankreich formieren und vom 16. bis zum 19. Oktober 1813 wird es in der Völkerschlacht bei Leipzig zur entscheidenden Niederlage Napoleons kommen. Das Ende kennt man: Verbannung auf Elba. 1815 Rückkehr nach Paris. Hundert Tage hält sein neuer Macht-Vorstoß. Dann die Schlacht bei Waterloo, einem Dörfchen bei Brüssel, und die totale Niederlage. Von den Briten wird er als Kriegsgefangener auf die Atlantikinsel St. Helena verbannt, wo er 1821 sterben wird.
Auf dem Wiener Kongress 1814 bis 1815 wird Europa dann neu aufgeteilt, die Epoche der Restauration eingeleitet. Es soll wieder wie früher feudalistisch zugehen.
Noch gehört das Fürstentum Bayreuth zu Preußen
Zurück ins Jahr 1805, zurück ins Städtchen Bayreuth – zu Jean Pauls Bayreuth, das gerade unter preußischer Herrschaft steht. Die aktuellen politischen Ereignisse können der Dichter und die Menschen in Bayreuth natürlich auch verfolgen. Zeitungen und Journale berichten, und es wird viel diskutiert. Soldaten ziehen durch die Stadt, besetzen sie und werden einquartiert. Zunächst sind es französische Truppen, später werden auch Einheiten des bereits erwähnten Rheinbundes folgen. Fremde Soldaten in der Wohnung. Hungrige, erschöpfte, aggressive Männer, die auch vor Übergriffen auf Frauen nicht zurückschrecken. Viele Bayreuther sind extrem gestresst.
1805 – Jean Pauls zweite und dritte Wohnung in Bayreuth: Von einem »schlechten Logis« in die Vorstadt Dürschnitz
Jean Paul sucht dem lauten Durcheinander durch einen Umzug zu entkommen. Zudem hat er sich mit seiner Vermieterin in der Maxstraße, der Justizratswitwe Münch, überworfen. In aller Schnelle wechselt er das Quartier. Er verlässt es jedoch bald wieder, da es zu viele Mängel aufweist.
Hausser: … Auf einem kurzen Umweg über ein »schlechtes Logis vor der Stadt« am Weg nach der Eremitage zog Richter am 23. Juli 1805 in die Vorstadt Dürschnitz zum Registrator Schramm (Richard-Wagner-Straße 58, inzwischen abgerissen). Jetzt konnte er ein wenig die Berge sehen. …
Kaum kann er aufatmen, will oder muss Jean Paul schon wieder umziehen. Jetzt überlegt er, ob sogar ein Wegzug aus Bayreuth, etwa nach München oder Leipzig, helfen könnte, auch nur irgendwie den Kriegswirren zu entkommen. Immer wieder werden Soldaten und Invaliden zwangsweise in Privatwohnungen einquartiert. Es hört nicht auf. Zudem fordern die Besatzer hohe Kontributionszahlungen. Das bedeutet, in den von Napoleon besiegten und besetzten Gebieten werden Geld, Gold und sämtliche Wertsachen zur Finanzierung und Versorgung der Truppen beschlagnahmt oder gar erpresst. Jean Paul sucht und sucht, muss schließlich erkennen, dass es nichts bringen würde, die Stadt zu verlassen. Womöglich käme er nur vom Regen in die Traufe.
1806 – Jean Pauls vierte Wohnung in Bayreuth: Steinstraße (heute Kulmbacher Straße)
Jean Paul bleibt also in Bayreuth. 1806 findet er in der Steinstraße ein passenderes Quartier und zieht im Oktober dorthin um.
Hausser: … Richters zogen nicht nach Leipzig und nicht nach München, sondern am 1. Oktober aus der Dürschnitz in die Steinstraße (Kulmbacher Straße). So war Jean Paul zunächst wohl nicht unmittelbar beim Einmarsch der französischen Truppen zugegen, die am 7. Oktober, einem prachtvollen Herbsttag, von der Dürschnitz her die Stadt besetzten; Einheiten des Rheinbundes folgten ihnen […]
Hausser zitiert dazu Jean Paul: »Erst nachdem ich mich aufgeweckt, sah ich, daß ich von niemand wach geworden als von neuen französischen Regimentern, die mich unter General Soult vor meinen Fenstern in der Baireuter Steinstraße mit Feldmusik aufgeweckt hatten …« […]
Der Kampf gegen Einquartierung blieb der gleiche. An Emanuel gingen die alten Sorgen. […] Daß am 15. Oktober die Schlacht bei Jena wieder die Landkarte veränderte, wurde bei dem Jahre andauernden Länder-Pfänderspiel weniger wichtig genommen …
Es sind Zehntausende Soldaten, die zuweilen tagelang durch Bayreuth ziehen. Jedoch keineswegs so, wie es in Filmen oft dargestellt wird – munter singend, sauber in Reih und Glied marschierend, mit Trommeln und fröhlichem Pfeifen im Gleichschritt gehalten. Vielmehr folgt ihnen ein riesiger, lärmender Versorgungstross. Darunter Frauen und Kinder, vor Hunger laut blökendes Schlachtvieh, Tausende von Pferden und Zugochsen – die ja ebenfalls gefüttert werden müssen –, polternde Kanonen, krachende Wagen mit klirrenden Waffen, Zelten, Feldbetten, Feldküchen, Feldlazaretten – immer Geheul und Gebrüll, und auch in den Nächten.
Jean Pauls Kinder kränkeln, und der Dichter nimmt an Körpergewicht zu. Mittlerweile schreiben wir 1807 – und die Richters ziehen schon wieder um.
1807 – Jean Pauls fünfte Wohnung in Bayreuth: Rückkehr in die alte Mansardenwohnung in der Vorstadt Dürschnitz
Es ist ein Umzug zurück in die Vorstadt Dürschnitz, in ihre alte, enge, aber gemütliche Mansarde bei Registrator Schramm. Doch genau in dieser kleinen Wohnung muss die Familie erneut Einquartierungen über sich ergehen lassen. All die kleinen Kinder – und dazu noch fremde Menschen, Männer – wie soll da ein Dichter arbeiten können?
1808 – Jean Pauls sechste Wohnung in Bayreuth: Friedrichstraße Nr. 10
Schon im nächsten Jahr, 1808, man glaubt es kaum, steht ein erneuter Umzug an – diesmal zum Justizkommissar Fischer in die Friedrichstraße Nr. 10, ganz in die Nähe von Emanuel. Wohnung Nummer sechs.
Hausser über den Alltag der Familie und über die Verbundenheit zwischen Jean Paul und Emanuel: … Von nun ab liefen die Kinder nicht nur als Postillons über die Straße, sondern verbrachten halbe Tage auf Emanuels Kanapee. Durch den Umzug war Max’ und Odiliens gleichzeitiger Geburtstag am 9. November von den Eltern vergessen worden, von Emanuel keineswegs. Unter dem neuen Dach glomm wieder ein Streitfunken über den Eheleuten. Er war erloschen, als Jean Paul seiner Karoline dies Zettelchen aus seinem Arbeitszimmer sandte: »Liebe! Ob ich gleich alles für Recht halte in der Minute, was ich sage, so hab’ ich doch Schmerz erregt und Unrecht gethan. Könnt’ ich die Wirkung meiner Explosionen berechnen: so unterblieben sie. Am wenigsten möcht’ ich Thränen in die Augen bringen, aus denen ich sie sonst so gern abgetrocknet. Wollen wir also froh sein in einer so kurzen und so bedenklichen Zeit.«
Natürlich war Emanuel wieder der Ruhestifter gewesen und mußte benachrichtigt werden: »… übrigens ist zwischen mir und Caroline alles wieder im ältesten Gleise, nämlich im guten.«
Weihnachten 1808 stand bevor. Emanuel mußte Puppen für die Töchter besorgen; denn »gute Puppen sind so selten in Bayreuth, […]. Karoline erhielt ein Briefchen: »An mein gutes Weib. Dein Weihnachtsgeschenk sei ein gutes, warmes Hauskleid, das Du durchaus nach Deiner Phantasie am Montage kaufst – und ein guter warmer Haus- und Ehemann; und Deine Kinder mögen meine Fehler vergüten. Dein alter liebender Ehemann Richter.« …
Jean Paul arbeitet unermüdlich. Die »Friedenspredigt« – eine Predigt, die keine ist, sondern eine scharfe Satire auf den Krieg, ebenso die satirischen Erzählungen »Feldprediger Schmelzle«, »Dr. Katzenbergers Badereise« und »Leben Fibels« erscheinen. Doch durch die Kriege kommt der Buchmarkt fast zum Erliegen. Der Dichter braucht Geld für seine Familie. Nachdem Königin Luise und ihr Preußenkönig das Thema »Pension« einfach ignoriert haben, gibt Jean Paul die Hoffnung auf eine solche aber nicht auf. Deswegen schreibt er in diesem Jahr … an einen Fürsten, der nicht weniger Einfluß hat als der Preußenkönig, bei dem er aber auf mehr Verständnis hoffen kann. Der Fürst ist ein Mann der Wissenschaften und der schönen Künste, Freund Wielands, Schillers, Goethes, Vertreter der kirchlichen Aufklärung, Verfasser von 35 Werken über Staatslehre, Geschichte, Bildende Kunst, Ästhetik, Ethik, Naturwissenschaften, dazu aber auch, in erster Linie, Staatsmann: ein Philosoph auf dem Thron sozusagen. … so Günter de Bruyn.
Der Fürst ist kein Geringerer als Karl Theodor Reichsfreiherr von Dalberg. Zur Zeit des Rheinbundes von 1806 bis 1813 war Dalberg als Fürstprimas der vorsitzende Fürst der Rheinbundstaaten. Ein mächtiger Mann, der auch einen starken Sinn für Kunst und Philosophie hat, wenn ich das so formulieren darf. Also Dalberg und Jean Paul, das könnte matchen.
1809 – Jean Paul erhält endlich eine Pension!
De Bruyn weiter: … Denn Karl Theodor Reichsfreiherr von und zu Dalberg, so sein Name, ist ein Vertrauter Napoleons, hat von der Zukunft Deutschlands ähnliche Vorstellungen wie Goethe und Jean Paul und wird vom französischen Kaiser zum Fürst-Primas (eine Art Präsident) des Rheinbundes gemacht, dem seit 1808 alle deutschen Staaten außer Preußen und Österreich angehörten. Er ist also formell die höchste Amtsperson des Staatenbundes, in dem Jean Paul, nicht ungern, lebt, wenn er auch wirkliche Macht nur in Frankfurt ausübt. Und dieser Mann antwortet Jean Paul prompt, macht ihn zum Ehrenmitglied der von ihm in Frankfurt gegründeten gelehrten Gesellschaft »Museum« und setzt ihm eine Rente von 1 000 Gulden jährlich aus, die er aus seiner Privatschatulle bestreitet. …
Dalberg gewährt Jean Paul 1809 tatsächlich eine Pension. Eine ungeheuerliche Nachricht für Jean Pauls Familie. Eine Wahnsinns-Rettung. Eine sichere Zukunft. Wer hätte das für möglich gehalten!
1810 – Das preußische Fürstentum Bayreuth wird vom Königreich Bayern einverleibt
Im darauffolgenden Jahr, 1810, werden aus den preußischen Bayreuthern nun Bayern. Kurz zur Erinnerung: Bereits seit 1806 ist Bayreuth von französischen Truppen besetzt, da Napoleon das Fürstentum erobert hatte. Der französische Kaiser betrachtet das Fürstentum jedoch als »pays reservés«, als ein Territorium, das er sich für künftige Tauschgeschäfte in Reserve hält. Und so kann er es nach mehreren Verhandlungen schließlich für fünfzehn Millionen Francs an das Königreich Bayern verkaufen. Damit ist Bayreuth als preußisches Fürstentum Geschichte.
Wie geht es Jean Paul in dieser Zeit? Eigentlich nicht so gut. Schon seit Anfang des Jahres gibt es eine Entzweiung zwischen Jean Paul und Emanuel. Denn durch unnötige Missverständnisse, quasi wie durch ein Nichts, ist ein Zwist entstanden. Es herrscht Stille zwischen den Freunden. Die »Zwergpackträger« (Jean Pauls Kinder) laufen zwar noch immer mit Zettelchen über die Straße, jedoch nur zu Otto, der nun doppelt so viele Billets erhält. Die Verstimmten leiden. Ein Gekränkter und ein Dickkopf.
Das Schweigen dauert Monate – doch dann, so erzählt Hausser: … Die Frühlingsluft läßt auch das Eis zwischen Emanuel und Jean Paul schmelzen: »Willkommen, Wiedergekommener! … Seltsam ist der Mensch; schon vor Ihrer Abreise wollt’ ich Sie besuchen; aber noch immer heb’ ich diese Minute, wie ein Winter den Frühling, mir auf, halb auch aus Angst, Sie Nachmittags nicht allein zu finden …«
Die Zeitungsträger, deren er – Jean Paul – sich »genug dazu gezeugt« habe, traben nun wieder täglich mehrmals über die Friedrichstraße.
Im Juni wird mit Kind und Kegel das Exaudi-Fest [6. Sonntag nach Ostern] gefeiert. Richters Programm an Otto:
»1. Sämtliche Herrschaften speisen in der hölzernen Stiftshütte [kleiner Bau im Garten der Rollwenzelei] neben der Rollwenzelei –
2. Nach dem Essen erheben sie sich nach Kohlendorf [Colmdorf] zum Kaffee – ein Paar vorher auf der Treppe ins Bett –
3. Nachmittags rückt aus Bayreuth die lange Reserve-Armee von Kindern in Kohlendorf ein
4. Abends geht man nach Haus – und Du doch auch?« …
Ach, und dann: Jean Pauls Ehe wird immer schlimmer. Hausser berichtet weiter: … Ende Juli stürzt Jean Paul in ein neues Gefecht mit Karoline und schließlich gar in den Main. Diesmal ist es aber so arg, daß er sich beim Schwiegervater in Berlin rechtfertigt. Emma war kränklich. Der Vater nahm sie wohl zu in seinem Sinne besserer Pflege in sein Zimmer, so daß die aufgelöste Mutter die Tür aufbrach. »… die schwarze Idee der Scheidung wurde mir immer lichter. Ein Engel in Gesellschaft, gegen Mann, Kinder und Hausgenossen eine Furie.« …
In seiner Verzweiflung sucht Jean Paul Trost bei seinem Freund Otto. Nachts, auf dem Heimweg, stürzt er in den Main, der zu dieser Zeit Hochwasser führt. Er kann sich gerade noch ans Ufer retten. Seinen Hut findet man am nächsten Morgen am anderen Ufer. Überhaupt flieht er in dieser Zeit gerne, unternimmt wieder Reisen – unter anderem nach Bamberg, wo er E. T. A. Hoffmanns Verleger trifft. Karoline reist mit Tochter Emma für längere Zeit zu ihrer Schwester Minna nach Altenburg. Weihnachten muss der Dichter allein mit seinen zwei Kindern verbringen. Doch … Die Freunde helfen dem Strohwitwer weiter über die Einsamkeit hinweg, … weiß Hausser.
Es wird 1811, bis Karoline wieder zurückkehrt.
Karoline kehrt zurück
Und schon droht ein erneuter Wohnungswechsel. Jean Paul erhält für die Friedrichstraße 10 quasi eine »Eigenbedarfskündigung«. Das bedeutet für die Familie Richter: Auszug, noch im selben Jahr.

1811 – Jean Pauls siebte Wohnung in Bayreuth: Maxstraße Nr. 16
Mit »rechtem Getöse« ziehen die Richters um, jetzt in die Maxstraße Nr. 16, über die Schloss-Apotheke am Markt, zum Apotheker Braun. Es ist jetzt ihre siebte Wohnung in Bayreuth. Diesmal logieren sie in der Mansarde über Wohnung der kinderreichen Familie Seebeck. Zu den Seebecks mit ihren sechs Kindern – es werden noch mehr – haben sie ein gutes Verhältnis. Man unternimmt gemeinsame Ausflüge, die Jean Paul sehr genießt.
Johann Thomas Seebeck, 1770 im heutigen Tallinn geboren, ist Mediziner, Physiker, Naturwissenschaftler, Erfinder, Experte für Photovoltaik und Lichtstreuung sowie Entdecker des thermoelektrischen Effekts, der bis heute als Seebeck-Effekt bekannt ist. Er kennt Hegel und Goethe. Die Familie Seebeck ist finanziell unabhängig. Seit 1810 wohnt sie in Bayreuth.
Die Ehe der Richters kriselt jedoch weiterhin. Die Freunde Otto, Emanuel und inzwischen auch Seebeck reservieren gerne mal einen Tisch bei der mittlerweile entdeckten Rollwenzelin – ohne Frauen versteht sich. Jean Paul an Otto: … Ich war gestern bei Seebeck; er rollwenzelt mit. Nur wir 3 Herren besetzen das Land des Tisches. Die Rollwenzel weiß es schon. …
So herzlich ihre Männerfreundschaft ist, so schnell müssen sie wieder Abschied nehmen. Schon 1812 ziehen die Seebecks fort nach Nürnberg. Nun wird auch für Jean Paul Bayreuth immer madiger und er erwägt ernsthaft einen Wegzug, vielleicht auch nach Nürnberg. Aber in Nürnberg würden ihm seine innigsten und langjährigsten Freunde, Otto und Emanuel, fehlen.
Napoleon unterliegt im Russlandfeldzug. Später hält sich der französische Kaiser sogar zweimal kurz in Bayreuth auf. Truppen ziehen hin und her, mal die einen dorthin, dann die anderen dahin – es hört nicht auf.
Irgendwann nimmt Jean Paul davon kaum noch Notiz. Etwas anderes nagt ganz gewaltig an seinem Gemüt. Ein drohender Gerichtsprozess mit seinem Vermieter, dem Apotheker Braun, und dessen Magd. Jean Paul hatte festgestellt, dass Brauns Magd in Richters Weinkeller ständig Weinflaschen klaut. Jean Paul beschuldigt die Magd beim Vermieter Braun, der jedoch seine Magd in Schutz nimmt, anstatt ihr zu kündigen. Das gab großen Ärger, der vor Gericht landete.
Jean Paul kann einen Prozess gerade noch durch einen »Rückzug« abwenden.
Aus Hausser: … Jean Paul war sicher mit Recht der Meinung gewesen, daß Brauns Magd seinen Keller, den Weinkeller besonders, plündere. Der Ruf der Person war schon vorher miserabel. Richters
Wunsch, die Magd »abzudanken (nicht fortzujagen)«, ihr also zu kündigen, wurde von Braun nicht erfüllt, vielmehr darin verkehrt, daß er der Familie Richter kündigte. (Seebecks waren schon nach
Nürnberg gezogen.) Jean Paul hatte gemeint, das Beste sei doch fort, »nämlich über 100 ausgesuchte Bier- und Weinkörke, der Flaschen und des Inhalts nicht einmal zu gedenken«, mußte aber
schließlich noch dies bezeichnende Zeugnis für die Magd ausstellen: »Ich bezeuge hiemit, daß Katharina Hofknechtin mir nichts entwendet hat, was ich ihr im Geringsten gerichtlich nachzuweisen
vermöchte, und daß der bisherige Argwohn ein Mißverständnis geblieben.« […]
Jean Paul an Otto: … »So wird mir denn von Bestien ein Tag nach dem andern gestohlen oder versäuert, mir, der ich keinem Menschen übel will und nur im Wissen und Schreiben lebe.« …
Dass Jean Paul seine Beschuldigung der Magd gegenüber schriftlich zurücknahm, hinderte den Vermieter nicht daran, den Richters die Wohnung aufzukündigen, noch vor Ablauf des Vertrages.
Hausser: … Braun, der »rachsüchtige Schurke«, wie man ihn jetzt auch von andern nennen höre, wollte die verfrüht bezogene Wohnung noch dazu vor dem üblichen Wechseltermin Martini geräumt haben. …
Im November 1813, zu Martini, zieht Jean Paul abermals um, zurück in seine geliebte Friedrichstraße, diesmal in die Hausnummer 5 – wieder in unmittelbare Nachbarschaft zu Emanuel. Es ist Jean Pauls achte und auch seine letzte Wohnung.

1813 – Jean Pauls achte und letzte Wohnung in Bayreuth: Friedrichstraße 5
Richters Bitte an Emanuel vor dem Umzug: … »Wünschen Sie mir, daß die Ausziehwoche von einem Feinde zum andern – vielleicht mitten unter Freunden oder alliierten Truppen – überstanden sei.« …
Es sei erwähnt, dass Umzüge damals mit heutigen nicht vergleichbar waren. Der Hausrat war deutlich kleiner – die Menschen hatten keine zehntausend Dinge. Die meisten Möbel waren nur gemietet. Und so viele Bücher besaß der Dichter gar nicht, da er sich lieber welche auslieh oder Bibliotheken besuchte. Lediglich seine Exzerpte, Zettel und Notizen folgten ihm in seine Arbeitsstuben.
Nach langer bayreuthischer Irrfahrt war Jean Paul mit seiner Familie endlich »zuhause« angekommen.
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