6. So jung – und viel an Werden und Vergehen

 Schwarzenbach a. d. Saale – Stadtetappe
Schwarzenbach a. d. Saale – Stadtetappe

Schwarzenbach a. d. Saale


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Den kompletten Verlauf des Jean-Paul-Wegs finden Sie hier: Literaturportal Bayern

Weitere Informationen über Jean Paul und Schwarzenbach a. d. Saale: Literaturportal Bayern – Dichterwege. Auf den Spuren von Jean Paul.

Ich kann's kaum noch ertragen

Freitag, 10. August 2012. Wie zufällig doch immer alles passend ineinandergreift – man könnte es bewusst gar nicht treffender gestalten. Gestern hatten wir unser Horror-Erlebnis im Dorf Schwingen. Und abends lief dann ein Filmbeitrag im Politmagazin »Monitor« mit dem Titel »Über den Anfang vom Ende der ganz normalen Landwirtschaft«. Der Film beginnt mit extremen Bildern aus Korea: Tierexperimente für noch effektivere Massentierhaltung. Ich schalte weg. Ich ertrage den Anblick gequälter Tiere nicht mehr. Und das geht sicher nicht nur mir so. Wer kann sich heute noch die Produktion von Lebensmitteln ansehen, ohne schockiert zu sein? Das ist nicht nur Körperverletzung an Tieren, sondern auch Körperver­letzung an Menschen. Wann wird das eigentlich einmal einklagbar? 

 

Später versuche ich auf der Webseite von »Monitor« wenigstens etwas über den Beitrag zu lesen. Es geht um Klontechnik. Aber ich muss aufhören. Ich kann nicht mehr. Ich wollte wandern, um zu vergessen – aber das geht wohl kaum noch. Hinter allen Ecken lauert ein Schrecken. Es gibt kein Entrinnen.

 

Auch das Computerspiel »Landwirtschaftssimulator« ist irgendwie gruselig. Ich kenne Kinder, die das spielen. Zuerst fand ich das nett, immerhin kein Ballerspiel. Beschäftigt man sich jedoch länger damit, fällt auf, dass Kinder, die das spielen, die Landwirtschaft tatsächlich nur noch durch die Brille eines solchen Simulators erleben. Das Spiel besteht lediglich darin, große Landmaschinen zu fahren und damit die Felder rechtzeitig zu bestellen, um immer mehr Land, Gebäude, Energieproduktionsanlagen und Ertragstiere kaufen zu können. Sprich: genau so, wie heute oft Landwirtschaft betrieben wird – mit dem Fokus auf Ertragsmaximierung. Themen wie »Produktion von Lebensmitteln« und »Natur« kommen gar nicht mehr vor.

Da hilft das »Schulmeisterlein Wutz«

Haus in Reichenbach – ein Dorf vor Nagel, beide Orte liegen auf dem Jean-Paul-Weg
Haus in Reichenbach – ein Dorf vor Nagel, beide Orte liegen auf dem Jean-Paul-Weg

Heute Morgen im Bett. Peter liest mir aus dem »Schulmeisterlein Wutz« vor, die Stelle mit den Fensterläden: … wie er sonst abends sich aufs Zuketten der Fensterläden freute, weil er nun ganz gesichert vor allem in der lichten Stube hockte, daher er nicht gern lange in die von abspiegelnden Fensterscheiben über die Läden hinausgelagerte Stube hineinsah; wie er und seine Geschwister die abendliche Kocherei der Mutter ausspionierten, unter­stützten und unterbrachen, und wie er sie mit zugedrückten Augen und zwischen den Brustwehr-Schenkeln des Vaters auf das Blenden des kommenden Talglichts sich spitzten, und wie sie in dem aus dem unabsehlichen Gewölbe des Universums herausgeschnitten oder hineingebauten Closet ihrer Stube so beschirmet waren, so warm, so satt, so wohl … 

Fensterläden vor den Fenstern, die allabendlich geschlossen wurden. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal den Fensterläden meiner Kindheit durch Jean Pauls Beschreibung Bedeutung beimessen würde. Denn das Gefühl, das die Zeremonie des Lädenschließens erzeugt, ist genau das der Geborgen­heit, des Am-Abend-bei-sich-Seins – den Blick nach außen zu schließen und ebenso unser Leben vor den Blicken von draußen abzuschirmen. Eine warme Höhle des Zuhauseseins unter dem unendlichen Firmament.

Als Kind lag ich während des Lädenschließens in unserer Wohnküche oft auf der Chaiselongue – wir sagten »Schässlong« und wussten natürlich nicht, woher das Wort stammte. Auch meine Mutter klapperte mit den Töpfen und legte Holzscheite ins Herdfeuer, Papa guckte Nachrichten, der Schwarzweiß-Fernseher stand auf einem Wandregal über der Eckbank, mein kleiner Bruder stöhnte noch über seinen Hausaufgaben, und meine Schwester deckte mit einem Handtuch den Vogelkäfig ab, damit unser Kanarienvogel Peter schlafen konnte. Kleine, beschützte Momente in einer sonst nicht so behüteten Kindheit. Je älter man wird, desto kostbarer wird die Erinnerung an sie.

Auf nach Schwarzenbach

In dieser Etappe wollen wir uns ausschließlich dem Städtchen Schwarzenbach an der Saale widmen. Hier verbrachte Jean Paul zwei längere Phasen seines Lebens. Eine folgte auf den Wegzug aus Joditz und dauerte von 1776 bis 1779. Bei dieser Ankunft in Schwarzenbach war er fast dreizehn Jahre alt – ein Teenager, würden wir heute sagen. Über jene Zeit schreibt er in seiner »Selberlebensbeschreibung« im dritten Kapitel.

 

Schwarzenbach besitzt einen eigenen Jean-Paul-Weg: den Schwar­zenbacher Jean-Paul-Rundweg. Dieser kommt in bunten Farben daher und beschreibt, wo, wann und wie Jean Paul hier lebte. Wir folgen nicht dem gesamten Rundweg, son­dern sehen uns nur die Stationen an, die uns zufällig im Stadtzentrum begegnen. 

 

Ei­ne der Rundweg-Stationstafeln ist schon gleich Station 13 in der Nähe einer Saalebrücke.

Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg – Stationl 13 Jean Paul im »Himmel des ersten Kusses«
Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg – Station 13 Jean Paul im »Himmel des ersten Kusses«

Jean Paul im »Himmel des ersten Kusses«

 

Von seiner Kammer im Pfarrhaus rannte der junge Jean Paul eines Abends herunter und über den Steg zu seiner heimlich geliebten Katharina Bär, »mit ihrem schnee-weißen Schürzchen und Häubchen«, um sich seinen heiß ersehnten ersten Kuss zu holen.

 

»An einem Winterabende […] machte ich mich auf zum verbotenen Wagstücke, während ein Besuch des Kaplans meinen Vater beschäftigte, im Finstern das Pfarrhaus zu verlassen, die Brücke zu passieren und geradezu (was ich noch nie gewagt) in das Haus […] zu marschieren und unten in eine Art von Schenkstube einzudringen. […] So stürmisch wie ein Räuber war ich zuerst der Geber meiner Eßgeschenke, und dann drückt’ ich […] ein lange geliebtes Wesen an Brust und Mund. […] es war eine Einzigperle von Minute, etwas, das nie da war, nie wiederkam; […] – und im Finstern hinter den geschloßenen Augen entfaltete sich das Feuerwerk des Lebens für einen Blick und war dahin. Aber ich hab’ es doch nicht vergessen, das Unver­geßliche.«

Jean Paul »Selberlebensbeschreibungen« Dritte Vorlesung – Schwarzenbach an der Saale – Kuß

Hier die ganze schöne Geschichte aus den »Selberlebensbeschreibungen«

 

Durch verwinkelte Gässchen geht es weiter zur evangelisch-lutherischen Kirche St. Gumbertus. Auf dem Weg kommt man am Pfarrhof vorbei. Hier wohnte die Familie Richter, und wir finden Station 2 des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundwegs.

Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg – Station 2 »Pfarrhof«
Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg – Station 2 »Pfarrhof«

Pfarrhof

 

Die Berufung auf die wichtige und gut dotierte Pfarrei in Schwarzenbach brachte für Jean Pauls Vater Ansehen und Auskommen mit sich. Als Pfarrherr war er Seelsorger, Lehensherr und Inhaber eines Wirtschaftsbetriebes. Leider starb er nach drei Jahren im Amt. Die Familie musste den Pfarrhof räumen. 
 Ein Türriegel mit den eingeschnitzten Initialen J. P. F. R. ist noch heute im Pfarrhaus zu sehen.

 

»Schwarzenbach an der Saale hatte freilich viel – einen Pfarrer und einen Kaplan – einen Rektor und einen Kantor – ein Pfarrhaus voll kleiner und zwei großer Stuben – diesem gegenüber zwei große Brücken mit der dazugehörigen Saale – und gleich daneben das Schulhaus so groß (wohl größer) wie das ganze Joditzer Pfarrhaus – und unter den Häusern noch ein Rathaus, nicht einmal gerechnet das lange leere Schloß.«

Jean Paul »Selberlebensbeschreibung«

Hier besuchte Jean Paul erstmals eine reguläre Schule. Schon früh erkannte der Kaplan Johann Samuel Völkel, der häufig bei Familie Richter zu Gast war, die außergewöhnliche Begabung des Knaben. Völkel bat den Vater um die Erlaubnis, den Jungen zusätzlich unterrichten zu dürfen. Der schon gesundheitlich geschwächte Vater hatte nicht mehr die Kraft, sich dagegen zu wehren und willigte ein. Seine eigene Lehrmethode beschränkte sich ohnehin vor allem auf Sprachen und Auswendiglernen. Der noch junge Kaplan vermittelte Jean Paul insbesondere erste theologische und philosophische Grundlagen, die seine frühe geistige Entwicklung nachhaltig beeinflussten.

 

Jean Paul saugt alles auf, was Wort und Text ist

Neben Kaplan Völkel wurde auch Pfarrer Erhard Friedrich Vogel aus Rehau für Jean Paul eine prägende Lehrerfigur, wenn nicht sogar die wichtigste. Vogel besaß eine große Bibliothek, in der nahezu alles zu finden war, nicht nur Literatur, sondern auch Schriften aus fast allen Wissensgebieten und Geistesrichtungen.

 

Da Bücher zu dieser Zeit für normalsterbliche Menschen unerschwinglich waren, begann Friedrich Richter bereits 1778, Werke aus Vogels Bibliothek zu kopieren und zu exzer­pieren, das heißt, die wichtigsten Gedanken der Texte schriftlich zusammenzufassen. So bastelte er sich seine eigene Bibliothek. Im Laufe seines Lebens verfasste Jean Paul mindestens 12 000 Manuskriptseiten, die heute im Projekt »Jean Paul: Exzerpte« von der Universität Würzburg transkribiert und online zugänglich gemacht wurden.

 

Im »Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz« beschreibt Jean Paul diesen Prozess so: … daß Wutz eine ganze Bibliothek – wie hätte der Mann sich eine kaufen können? – sich eigenhändig schrieb. Sein Schreibwerkzeug war seine Taschendruckerei; jedes Meßprodukt, dessen Titel das Meisterlein ansichtig wurde, war nun so gut als geschrieben oder gekauft; denn es setzte sich sogleich hin und machte das Produkt und schenkt’ es seiner ansehnlichen Büchersammlung, die wie die heidnischen, aus lauter Handschriften bestand. …

 

Schulmeisterlein Wutz (das ist eigentlich Jean Paul selbst) schreibt, kopiert und exzerpiert so exzessiv, dass er irgendwann die ganze Sache einfach umkehrt: … da er einige Jahre sein Bücherbrett auf diese Art voll geschrieben und durch­studiert hatte, so nahm er die Meinung an, seine Schreibbücher wären eigentlich die kanonischen Urkunden, und die gedruckten wären bloße Nachstiche seiner geschrieben. …

         

Wir kommen endlich zur Kirche St. Gumbertus. Hier ist Station 3 des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundwegs.

Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg – Station 3 »St. Gumbertus-Kirche«
Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg – Station 3 »St. Gumbertus-Kirche«

St. Gumbertus – Kirche

 

Das Patrozinium der 1322 erstmals erwähnten Pfarrei weist in die Zeit vor 1000, die fränkische Zeit. Als größte Pfarrei des südlichen Regnitzlandes, hart an der Grenze zum historischen Egerland gelegen, besaß sie eine ausgeprägte eigene Tradition.

 

Hier empfand Jean Paul am Konfirmationstag nach dem Abendmahl »eine unbeschränkte, von keinem Flecken getrübte sanfte Liebe« für alle Menschen. In dieser Kirche las er aber auch einmal, auf dem Bauche liegend, den »Robinson Crusoe«, während sein Vater predigte.

Die Robinson-Crusoe-Geschichte kennen wir auch durch Eberhard Schmidt. Sie stammt aus Jean Pauls »Selberlebensbeschreibung«: … Aber unter allen Geschichten auf Bücherbrettern … goss keine ein solches Freudenöl und Nektaröl durch alle Adern seines Wesens – als der alte Robinson Crusoe –; … Nur als Plagiar und Bücherdieb genoss er ihn aus der väterlichen Studierstube so lange, bis der Vater wiederkam – einmal las er ihn unter einer Wochenpredigt des Vaters in einer unbesuchten Empor auf dem Bauche liegend. …

Jean Paul konnte es sich leisten, während der Predigt heimlich zu lesen, denn er wusste die Predigten seines Vaters auswendig aufzusagen.

Tod des Vaters

In Schwarzenbach war der Vater nur drei Jahre im Amt. Der Familie ging es wirtschaftlich besser als in Joditz, doch mit dem Tod des Vaters war dieses Glück jäh dahin. Denn die Witwe und die Kinder des Pfarrers waren nicht abgesichert, so wie man es sich heutzutage vorstellen würde. Von nun an waren sie auf sich allein gestellt. Das schöne, große Pfarrhaus war Vergangenheit. Die Familie musste es für den nächsten Pfarrer räumen.

 

Hinter der Kirche liegt der Friedhof, und wir müssen eine Weile suchen, bis wir endlich die Grabplatte des Vaters finden. Sie ist an der Friedhofsmauer angebracht, ganz in der Nähe der Kirche, was wir zunächst übersehen hatten.

Vor der Grabplatte steht Station 4 des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundwegs.

Grabstein Johann Christian Christoph Richters


 

Der Vater Jean Pauls starb am 25. April 1779 im Alter von 51 Jahren. Sein Tod stürzte die Familie in große Armut. Er hinterließ seine Frau Rosine und fünf minderjährige Söhne. Der künstlerisch und musikalisch sehr begabte Jean Paul konnte dank der Unterstützung seines Hofer Großvaters Kuhn das dortige Gymnasium besuchen. Es trägt heute seinen Namen. Vom Grab des Vaters ist lediglich dieser Stein erhalten geblieben. Die Inschrift im Stil der Zeit schildert ausführlich seinen beruflichen Werdegang und seine familiären Verhältnisse.

Johann Christian Christoph Richter war, bevor er Pfarrer wurde, Schulmeister. In jener Zeit fristeten Lehrer und Schulmeister ein ärmliches Dasein. Da eine Lehrerstelle häufig erkauft werden musste, waren viele gezwungen, schon bei Amtsantritt Schulden zu machen. Diese Schulden wurden sie oft nie wieder los, denn das Lehrergehalt reichte kaum für das Nötigste zum Leben.

Wie ging es mit der Familie weiter?

Als der Vater starb, besuchte Jean Paul bereits das Hofer Gymnasium und war bei Verwandten in Hof untergekommen. Seine Mutter blieb mit den anderen Kindern in Schwarzenbach.

 

Wir gehen den Weg zurück in die Stadt hinunter, gelangen wieder an die Saale und laufen über die Brücke. Dort steht Station 12 des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundwegs vor einem Haus.

Das Sandens-Haus
 

Das repräsentative Gebäude gehörte dem Aktuar (Gerichtsschreiber) Johann Wilhelm Vogel, einem Freund der Familie Richter. Er war ein Verwandter von Pfarrer Erhard Friedrich Vogel, dem großzügigen Förderer Jean Pauls.

 

Wir dürfen annehmen, dass Jean Pauls Mutter, Rosine Richter, nach dem Tod ihres Mannes 1779 hier eingezogen ist. Seine »Muluszeit« (Zeit zwischen Ende der Schulzeit und Beginn des Studiums) vom Spätherbst 1780 bis zur Abreise nach Leipzig im Mai 1781 verbrachte Jean Paul bei Mutter und Brüdern in Schwarzen­bach, wahrscheinlich in diesem Haus. Im Sommer 1781 kündigte Vogel Jean Pauls Mutter das »Quartier« auf.

 

Die Eigentümer dieses Hauses waren meist Beamte des Fürsten von Schönburg-Waldenburg. Es trägt noch den Namen eines Besitzers, der aus dem gleichen Ge­schlecht wie der Burschenschaftler Carl Ludwig Sand, Mörder Kotzebues 1819, stamm­te. Später besaß es Ludwig Wilhelm Grimm, Pionier der Granitsteinindustrie des Fichtelgebirges. Johann Georg August Wirth, Vorkämpfer für Demokratie und Einheit Deutschlands, lernte hier vermutlich seine Frau kennen.

Sandenshaus in Schwarzenbach a. d. Saale
Sandenshaus in Schwarzenbach a. d. Saale

Hier wohnte die Mutter nicht lange, knapp zwei Jahre. Wir wissen bereits, dass sie dann nach Hof gezogen ist, um mit Spinnarbeiten Geld dazuzuverdienen.

 

Dann Station 1 des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundwegs am Rathaus.

 

Rathaus, früheres Schloss der Fürsten von Schönburg-Waldenburg.

 

Johann Paul Friedrich Richter (1763‒1825) war zu Lebzeiten der meistgelesene deutsche Dichter und noch populärer als Goethe. Schwarzenbach ist seit dem 17. Jahrhundert der Heimatort seiner väterlichen Vorfahren und Verwandten. Ihre Nachkommen leben noch heute hier.

 

Jean Paul verbrachte wesentliche Phasen vom Kind bis zum gefragten Schriftsteller in Schwarzenbach. Von 1790 bis 1794 verdiente er hier seinen Lebensunterhalt als Privatlehrer und verfasste die Werke, denen er seinen literarischen Durchbruch verdankte. In Schwarzenbach schrieb er 1792 auch erstmals von sich als Jean Paul.

Der noch junge Erwachsene Friedrich Richter kehrte also 1790 wieder nach Schwarzenbach zurück, um bis 1794 als Privatlehrer der Kinder befreundeter Familien etwas Geld hinzuzuverdienen. In dieser kurzen Zeit studierte er nicht nur die Werke Immanuel Kants und Jean-Jacques Rousseaus, sondern schrieb auch – quasi nebenher – seine ersten großen Werke: »Die unsichtbare Loge«, »Hesperus« und »Schulmeisterlein Wutz«. Eine unglaubliche Leistung.

 

Auf dem Rathausplatz wurde Jean Paul ein Denkmal gesetzt.

Wir laufen noch ein bisschen herum und entdecken zufällig Station 14 des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundwegs.

Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg – Station 14 «Jean Pauls Birkenprater«
Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg – Station 14 »Jean Pauls Birkenprater«

Jean Pauls »Birken-Prater«

 

Die »Birke« war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein eine beliebte Einkehr­gaststätte mit einem Biergarten, von einem Birkenwäldchen umgeben. Der Dichter Jean Paul hielt sich gerne an diesem idyllischen Ort auf, seinem »Birken-Prater«. Hier traf er sich mit Freunden und den Vätern seiner Schüler jeden Mittwoch zu einem Plausch in ungezwungener Atmosphäre. Das Einladungsschreiben zu diesem Treffen, von Jean Paul mit »Birkenpredigt« überschrieben, fand Eingang in die Weltliteratur

 


»Birken-Predigt.

Seelig sind die Schwarzenbacher: denn sie haben den Birken-Prater […], in den sie gehen können wenn sie wollen […]

Seelig sind die, die zur Birken-Union treten wollen und hier deswegen subskri­bieren: denn sie können droben ieden Mitwoch wie die Fürsten öffentlich essen und finden da schöne Natur und Bier genug. […]

Verdamt sind blos die, die keinen Spas verstehen: denn diese verstehen auch keinen Ernst. – Schwarzenbach an der Saal den 11 Jun. 1791 [Sonnabend].«

Das hat er als 28-Jähriger geschrieben. Zu dieser Zeit hatte er bereits sein Theologiestudium in Leipzig abgebrochen, war nach Hof zurückgekehrt, hatte als Hauslehrer in Töpen und ab 1790 als Winkelschullehrer in Schwarzenbach gearbeitet.

 

Die Birkenpredigt klingt so gut gelaunt. Doch es war nicht lange her, dass sein Bruder Heinrich sich 1789 das Leben genommen hatte, sein Freund Johann Bernhard Hermann 1790 gestorben war und Jean Paul im selben Jahr seine »Todesvision« hatte.

Hierzu Station 11 (gegenüber dem Schloss bzw. Rathaus) des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundwegs, die wir jedoch nicht besucht haben.

Jean Pauls Winkelschule
 

Hier, in »Hölzels Palais«, wohnte Jean Paul zwischen 1790 und 1794. Er unter­richtete in seiner »Winkelschule« sieben Kinder. Mit Benimmregeln in seinen »Schulgesetzen«, Einträgen im »Roten Buch« und der Betonung selbstständigen Lernens galt sein Unterricht als der fortschrittlichste im deutschen Sprachgebiet. Die Kinder nahmen unvergessliche Eindrücke mit ins Leben. Die gesammelten Erfahrungen mündeten später in den Erziehungsroman »Levana«.

 

In diesem Haus erlebte er am 15. November 1790 seine »Todesvision«. Dies war gleichzeitig das Ende seiner Satirenzeit und der erste Schritt zum gefeierten Schrift­steller. Es entstanden »Das Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz«, »Die unsichtbare Loge« und in weiten Teilen der »Hesperus«.

 

Zwei Briefpassagen geben uns Einblick in seine Wohnverhältnisse:

 

»Mademoiselle 100,000,000,000 Ideen fliegen mir jezt durch den Kopf und doch passet keine her. Es ist leichter und angenehmer mit Ihnen in Krötenhof zu gehen als Ihnen in Hölzels Palais zu schreiben. Unter mir wird jetzt gespuhlet – neben mir gezwirnt – draussen gehämmert: und doch sol ich unter diesem Lärm einen Brief machen, in dem ich stat des Garns Gedanken spuhle und zwirne.«

Brief an Helene Köhler, 31. Mai 1792

 

»Vor mir steigt der Mond herauf – unter mir kratzt die Maus, die mein Stuben­bursch ist – in mir sitzt das Abendessen.«

Jean Pauls innigster Freund

Bernhard Hermann ist nur zwei Jahre älter. Die beiden stehen sich gefühlsmäßig und intellektuell sehr nahe. Sie haben sich auf dem Gymnasium in Hof kennen- und lieben gelernt. Hermann studiert in Erlangen Medizin, kann sich jedoch aufgrund seiner Armut kaum Bücher oder Vorlesungen leisten.

 

Aus Günter de Bruyn: … Begonnen hat dieses exemplarische Leben eines kleinbürgerlichen Intellektuellen zwei Jahre vor dem Richters in Hof. Als einziges von den acht Kindern eines armen Tuchmacherehepaares übersteht er die lebensgefährlichen Kindheitsjahre. Obwohl er ständig zu Hause mitarbeiten muss, gehört der begabte Schüler immer zu den Besten. Besonders liebt er die Naturwissenschaften, weshalb er nach dem Abitur ein Theologiestudium rigoros ablehnt: Er will Arzt werden. Als der Umweg über eine Apothekerlehre fehlschlägt, folgt er den Freunden Oerthel und Richter nach Leipzig – als Theologe, aber nur zum Schein: Nach zwei Semestern wechselt er zu Medizin über, hungert sich mithilfe kleiner privater Stipendien und zeitweiliger Freitische durch, gibt Unterricht, versetzt Kleider, borgt, lässt sich von Oerthel und Otto helfen, verdingt sich als Famulus, Hofmeister, Diener und kann doch die Kosten für ein reguläres Medizinstudium nie aufbringen. Denn als Mediziner genießt er keine Vergünstigungen wie Theologen. Chirurgie kann er nicht hören, weil die Vor­lesungen 10 Reichstaler jährlich kosten, für das Zuschauen bei einer Geburt muss er 2 Gulden bezahlen, […] Geldmangel hindert ihn am Kauf notwendiger Bücher. […] Hoffnungslos aber macht ihn, dass er nie genug Geld haben wird, um die Promotion zu bezahlen. […] Um Geld zu verdienen, schreibt er, blutspuckend, in Tag- und Nachtarbeit zwei Bücher […] deren schmale Honorare ihm aber auch nicht weiterhelfen. Er macht fantastische Pläne, um der Not zu entgehen: Er will Mönch werden, nach Ostindien gehen, sich als Soldat anwerben lassen. …


So zieht Bernhard Hermann zu Fuß von Stadt zu Stadt, wandert durch ganz Deutschland, wie ein gehetzter Hund, gefühlsachterbahnfahrend durch immer neue Hoffnungen und Enttäuschungen. Er sieht die Welt in all ihren Höhen und Tiefen, Reichtum und Armut, Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten. Er ist unbeugsam in seiner Wahrnehmung, schutzlos seine Seele.

Aus Günter de Bruyn: … und die »katholischen Bilder« am Wege, die die schrecklichen Leiden des »vor­trefflichsten Menschen und wahrheitsliebenden Mannes« zeigen, trösten den armen Studenten über sein eigenes Schicksal. Als er in Berlin die Hinrichtung eines Diebes durch Verbrennen miterlebt, kann er nur schlecht seine Erschütterung verbergen. Zwar behauptet er, an den aufs Rad geflochtenen Leichen der Richtstätte ärztliches Interesse zu haben, doch streitet er heftig mit den Offizieren über das Inhumane dieser Todesart, und die schadenfrohen Reden der Zuschauer gehen ihm lange nicht aus dem Sinn. …

 

Hermann würde sich so gern der Menschheit nützlich erweisen, doch nicht einmal als Soldat will man ihn. In all seiner Bedrängnis hofft er auf die Französische Revolution. Sie möge endlich Umkehr bringen. Heute wissen wir, dass Revolutionen dies nicht tun. Bis heute öffnen sie lediglich neue Märkte, während die kleinen Bürger immer noch glauben, dass durch Revolutionen mehr Demokratie und Gerechtigkeit in die Welt kämen.

Soziales Denken überdauert alles

Hermann wird es eh nicht mehr erfahren. Er stirbt mit 29 Jahren am 3. Febru­ar 1790 an Gicht und Ausfluss, wie es im Sterberegister der Göttinger Johannis­kirche verzeichnet ist. 

 

De Bruyn schreibt: … Während er namenlos verging, erreichte der Freund [Jean Paul] alles, was er sich vorgenommen hatte. Wir sollten, wenn wir der Großen gedenken, auch manch­mal um die trauern, denen widrige Umstände die Ausbildung großer Anlagen verwehrten, die ihren unausgereiften Protest, ihre ungeformten Ideen mit ins Grab nahmen, die aber allein durch ihre Haltung dazu beitrugen, dass die Großen groß wurden. …

 

Weiter heißt es bei de Bruyn: … Der Verlust des Freundes, der mit 29 Jahren stirbt, hat Jean Paul mehr getroffen als der Oerthels und der des Bruders. Die große Erschütterung, die große schöpferische Kraft freisetzt, hier ist sie: das Erlebnis einer der Liebe sehr ähnlichen Freundschaft, die der Tod endigt. Wieder und wieder wird das Erleben von Freundschaft und Tod nach Gestaltung drängen. Die Erinnerung an Hermann wird die Quelle, aus der das Material für viele Romangestalten geschöpft wird: für Leibgeber (aus dem Roman »Siebenkäs«), Schoppe (aus »Titan«), Vult (aus »Flegeljahre«), Gianozzo (aus »Des Luftschiffers Gianozzo Seebuch«) – die Unbeugsamen, die Unangepaßten. …

 

So lebt Johann Bernhard Hermann doch weiter. Das ist tröstlich. Soziales Denken lohnt sich, denn es überdauert alles.

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