33. »Idyllenreich und Schäferweltchen«

Arkadienweg: Oberwaiz – Teufelsloch – Waldhütte – Neustädtlein (superschön!)
Arkadienweg: Oberwaiz – Teufelsloch – Waldhütte – Neustädtlein (superschön!)

Arkadienweg: Oberwaiz – Teufelsloch – Waldhütte – Neustädtlein


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Den kompletten Verlauf des Jean-Paul-Wegs finden Sie hier: Literaturportal Bayern

Die jetzt folgende Etappe sind wir am Samstag, dem 13. Oktober 2012, gewandert. Da lebte Fidel noch.

 

Die Bayreuther Etappen aus dem Jahr 2017 – vom Colmdorfer Schloss bis Schloss Fantaisie und Oberwaiz, Kapitel 26 bis 32 – wanderten wir ja erst nach Fidels Tod. Heute, 2018, da ich dies weiterschreibe, kann ich also endlich wieder über Etappen schreiben, die wir gemeinsam mit Fidel gelaufen sind. Ich spüre, dass nicht nur das Wandern mit ihm schöner war, sondern auch das Schreiben über ihn.

 

Zurück ins Jahr 2012. Es ist herrliches Herbstwetter – zwanzig Grad. Dieser Oktober ist eher noch ein Spätsommer als ein Herbst. Wir fahren mit dem Auto nach Oberwaiz, wo unsere heutige Etappe beginnt. Unterwegs halten wir noch kurz an, um beim Bäcker eine griechische Pizza zu besorgen. Ein klassisches Frühstück am Tisch kennen wir nicht. In unseren Berufen lebt man ohne festgelegte Pausen – immer in Bereitschaft, Hauptmahl­zeiten nur spät abends, nach »Dienstschluss«, wann immer der auch sein mag.

Von Daunenfein und Gunda

In Oberwaiz geht es auf dem Mühlweg ortsauswärts zunächst in Richtung Teufelsloch. Noch während wir uns im Gehen an der Pizza abarbeiten – sie ist so saftig, dass sie »aus allen Ecken« tropft –, kommen wir an einem Garten vorbei. Über den Zaun hinweg entdecke ich zwei Gänse und einen Hahn – und was für einen! Ein Prachtgockel, als hätte ihn jemand aus einem Märchenbuch gestohlen. Groß, bunt, stolz. Doch merkwürdig still stehen die Tiere, als warteten sie auf ein geheimes Zeichen.

Ich zu Peter: »Fotografier doch mal die Gänse da!«

Peter drückt mir schnell seine Pizza in die Hand und greift nach der Kamera, die er stets einsatzbereit um den Hals trägt. Jetzt sieht er, dass der Sucher mit Pizzasoße vollgetropft ist. Er flucht ohne Ende.

»Ich brauch was zum Abwischen!«

Um jetzt meine Hände frei zu bekommen, gebe ich ihm beide Pizzen zurück und wühle im Rucksack, bis ich endlich ein paar Tempos finde.

Plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel eine Frau und einen Mann. Auch sie stehen reglos mitten im Garten. Beide scheinen um die fünfzig zu sein. Jetzt bewegen sie sich auf uns zu – aber irgendwie langsamer als andere Menschen. Oh Gott, das sind die Hausbesitzer! Schießt es mir durch den Kopf. Wir sabbern, kramen, tropfen und schniefen immer noch herum. Dann – es ist wohl so eine Art Übersprungshandlung – frage ich:

»Sind die Gänse da lebendig? Die stehen so still?«

»Ja, ja«, antwortet die Frau, »die sind schon sechs Jahre alt. Und die Hühner da hinten, das sind keine gewöhnlichen Hühner – das sind Brahmas. Die sind so groß, ganz alte Rasse, von einem Züchter aus Bayreuth.«

Ich: »Wie heißen die denn?«

Sie: »Der Hahn – das ist der Zeus. Und die beiden Hühner sind Hera und Lara. Lara ist das kleinere Hühnchen da.« Sie zeigt mit dem Finger.

Er: »Die Gänse? Das ist der Dauni – wie Gans Daunenfein aus dem Nils-Holgersson-Film – und seine Frau, die Gunda. Aber seit der Fuchs da war, legen sie keine Eier mehr und brüten auch nix mehr. Aber des glaubens jetzt net, der Dauni hat den Fuchs gebissen und vertrieben! Die beißen ganz schön. Große blaue Flecken kriegt man da. Unseren Sohn Jan und den Schwiegervater, die haben sie auch schon gebissen. Ich darf sie sogar tragen.«

Sie: »Einen Hund hatten wir auch. Der war sechzehn. Und Zwergziegen. Eigentlich hätten wir auch gern mal ein Wollschwein.«

Er: »Drei Katzen ham mir immer noch. Und früher mal siebzig Kaninchen. Zwei davon leben noch – die gehören dem Sohn.«

Sie: »Der Kindergarten kommt öfter vorbei – zum Füttern. Is schon schön, da braucht man keinen Fernseher mehr.«

Er: »Mir ham das Grundstück als ein Mischgrundstück eintragen lassen, wissens, dass sich keiner beschweren kann, wegen der Viecher und so.«

 

Die Pizza konnten wir hier bei ihnen in Ruhe zu Ende essen. Dann begleiten uns die beiden noch ein Stück des Weges. Früher seien sie hier jeden Tag spazieren gegangen, erzählen sie weiter – sogar die Ziegen seien mitgelaufen.

Der Mühlweg, der direkt neben ihrem Haus beginnt, gleicht einem Idyllenreich. Er ist ein schmaler Hohlweg und träumt sich zwischen moosigen Felsen und alten Buchen. Ein Saumpfad für Verliebte, Faune, Gnome und Fabelwesen.

Auf dem Jean-Paul-Weg – von Oberwaiz zum Teufelsloch
Auf dem Jean-Paul-Weg – von Oberwaiz zum Teufelsloch

Nun, wir wissen um die »Hohlwege« – dass sie ausgetreten wurden, weil über die Jahr­hunderte stetig Mensch und Tier und Wagen über sie gezogen sind. Könnten wir jetzt zeitreisen oder sähe man alle je dagewesenen Wesen kumuliert in einem einzigen Bild, wäre in diesem Augenblick hier ganz schön viel los. Wir vier könnten grüßen, winken, plappern, anderen beim Tragen helfen, würden vielleicht ein Stück in einer Kutsche mitgenommen, würden Lieder singen oder streiten. So viel Leben auf den Wegen. So viele Begegnungen. Und auch mit Jean Paul – und seiner Stationstafel 141 »Feierabend im Pfarrgarten«.

Auf dem Jean-Paul-Weg bei Oberwaiz – Stationstafel 141 »Feierabend im Pfarrgarten«
Auf dem Jean-Paul-Weg bei Oberwaiz – Stationstafel 141 »Feierabend im Pfarrgarten«

Feierabend im Pfarrgarten

 

Niemand übrigens wundere sich über ein Idyllenreich und Schäferweltchen in einem kleinen Dörfchen und Pfarrhaus. Im schmalsten Beete ist ein Tulpenbaum zu ziehen, der seine Blütenzweige über den ganzen Garten ausdehnt; und die Lebenluft der Freude kann man aus einem Fenster so gut einatmen als im weiten Wald und Himmel.

 

Jetzo fing das Leben in dem, nämlich unter [dem] Himmel an. Die Morgen glänzen mir noch mit unvertrocknetem Tau, an welchen ich dem Vater den Kaffee in den außer dem Dorfe liegenden Pfarrgarten trug, wo er im kleinen nach allen Seiten geöffneten Lusthäuschen seine Predigt lernte, so wie wir Kinder den Lange [Joachim Lange: Verbesserte und Erleichterte Lateinische Grammatik] später im Grase.

 

Der Abend brachte uns zum zweiten Male mit der Salat brechenden Mutter in den Garten vor die Johannis- und die Himbeeren. Es gehört unter die unbekannten Landfreuden, daß man abends essen kann ohne Licht anzuzünden. Nachdem wir diese genossen hatten, setzte sich der Vater mit der Pfeife ins Freie, d. h. hinaus in den ummauerten Pfarrhof, und ich samt den Brüdern sprang im Hemdtalare in der frischen Abendluft herum und wir taten als seien wir die noch kreuzenden Schwalben über uns und wir flogen behend hin und her und trugen etwas zu Nest.

Sämtliche Zitate aus Jean Paul »Selberlebensbeschreibung«

Wenn wir Menschen uns heute – in unserer digitalen und der Natur so fernen Welt – wieder nach analogen und natürlichen Erlebnissen zurücksehnen und sie deshalb neu zu schätzen beginnen – warum war für Jean Paul, der ausschließlich in analogen und natürlichen Welten lebte, gerade diese seine Wirklichkeit so bedeutsam, dass er sie aufschrieb, besonders hervorhob und als das alles Seligmachende schilderte? Er hatte im Überfluss dessen, was für uns heute kaum mehr erfahrbar ist: knarzende Treppen, ru­ßen­de Feuerstellen, glühende Herde, Eisblumen an Fenster­scheiben, Schwalben, die in der Dämmerung ihre Flug­künste feiern. Feierabende am Dorf­brun­nen, Mist­­haufen im Hof, Kartoffelfeuer, beruhigen­des Muhen aus dem Kuhstall. 

 

Fast scheint es, als hätte Jean Paul all das für uns festhalten wollen – für uns Menschen, die Jahrhunderte später diese Erlebniswelten weder hören noch sehen, riechen oder fühlen können. Und die wir deshalb auch nicht mehr aus eigener Erinnerung aufschreiben werden. 

 

Der Weg bleibt noch eine Weile wundersam verwunschen. Immer wieder leuchten Flie­genpilze mit ihren roten Kappen aus dem Unterholz. Und braune Pilze, die wir nicht kennen, wachsen in munteren Grüppchen am Wegesrand –

und Stationstafel 142.

Im Dom der Natur

 

Vier Priester stehen im weiten Dom der Natur und beten an Gottes Altären, den Bergen, – der eisgraue Winter mit dem schneeweißen Chorhemd – der sammelnde Herbst mit Ernten unter dem Arm, die er Gott auf den Altar legt und die der Mensch nehmen darf – der feurige Jüngling, der Sommer, der bis nachts arbeitet, um zu opfern – und endlich der kindliche Frühling mit seinem weißen Kirchenschmuck von Blüten, der wie ein Kind Blumen und Blütenkelche um den erhabenen Geist herumlegt und an dessen Gebete alles mitbetet, was ihn beten hört. – Und für Menschenkinder ist ja der Frühling der schönste Priester.

Jean Paul »Die unsichtbare Loge«

Dann senkt sich der Weg in die dunkle, schmale Schlucht des Teufelslochs. Auf engen Pfaden tänzeln wir mal rechts, mal links, zwischen zerfurchten Sandsteinfelsen hindurch. Hier und da versperrt eine umgestürzte Fichte den Weg, und wir müssen klettern.

 

Fidel ist amüsiert – wie immer, wenn die Wege weich, klein, eng, niedrig, kurvig und spannend sind. Gut gelaunt hüpft er mit seinem rechten Hinterbeinchen, wie ein Kind auf dem Schulweg. Das macht er immer, wenn er von der Leine darf und es ins Grün geht. Am Anfang, als wir Fidel gerade bekommen hatten, erschrak ich – ich dachte, er hätte etwas an der Pfote. Doch bald stellte sich heraus, dass es sich nur um einen winzigen, harmlosen orthopädischen Defekt handelte – eine minikleine Fehlstellung, die uns seither jedes Mal durch Fidels Ausgleichshüpfen zum Schmunzeln bringt.

 

Das Teufelsloch ist eine etwa einen Kilometer lange Schlucht und bietet alles, was ein Familienausflug mit Kindern braucht. Da wäre zum Beispiel ein guter Schuss des Genussmittels »Abenteuer«, denn nach jedem Unwetter warten hier Über­raschungen. Wasserfälle rauschen plötzlich dort, wo vorher keine waren. Umge­stürzte Bäume enthüllen ihr Wurzelreich, in dessen Gewirr sich sehr gerne kleine Waldwichtel versteckt halten. Dunkle Höhlenlöcher verlangen Mut, sich in sie hin­einzuwagen. Wer allerdings Angst vor dreckigen Schuhen hat, sollte besser auf den Forstwegen bleiben. Diejenigen jedoch, deren Herz kühn schlägt, wappnet Stationstafel 143 mit unbesiegbarem Geist.

Auf dem Jean-Paul-Weg am Teufelsloch – Stationstafel 143 »Furcht, Mut und Hoffnung«
Auf dem Jean-Paul-Weg – Stationstafel 143 »Furcht, Mut und Hoffnung«

Furcht, Mut und Hoffnung

 

Bloß heftige Phantasie, nicht Mangel an Mut, schafft die Geisterfurcht.

 

Nichts steckt leichter an, als Furcht und Mut; nur daß die elterliche Furcht sich am Kinde gar verdoppelt; denn wo schon der Riese zittert, da muß ja der Zwerg niederfallen.

 

Mut besteht nicht darin, daß man die Gefahr blind übersieht, sondern, daß man sie sehend überwindet.

 

Recht viele Erzählungen von siegendem Mut sind Stärkemittel.

 

Der Furchtsame erschrickt vor der Gefahr, der Feige in ihr, der Mutige nach ihr.

 

In jedem Fall ist Hoffen besser als Fürchten. Wer hofft, hat schon gesiegt und siegt weiter.

 

Die Hoffnung lässt uns mehr Verstand und Glück übrig als die Furcht.

 

Nur um den Einsamen schleichen Gespenster.

 

Die reisenden Eheleute denken unterwegs, wie jetzt zu Hause Geister in ihrer Gestalt ihr Leben nachäffen.

 

Nicht Menschen, sondern Sitten sind zu fürchten, nicht das fremde Ich, sondern das eigne.

 

Nichts in uns schützt uns gegen Furcht einer geheimen gräulichen Welt – deren Kräfte und Bosheiten gar nicht zu berechnen sind – selbst keine Standhaftigkeit, sondern nur Bewußtsein des moralischen Werts: damit können wir Teufeln trotzen, ja Gott, wenn es kein Widerspruch wäre.

Viele Zitate aus Jean Paul »Levana oder Erziehlehre«

Heute ist es Fidel, der uns Mut macht. Dank seiner Unerschrockenheit wagen wir es, jenen Graben des Grauens zu überqueren, um uns alsbald inmitten dieses dunklen, ungezähmten, fast pfadlosen Naturschutzgebietes wiederzufinden. 

Auch von dieser verborgenen Naturschönheit erfuhren wir während unseres fünfundzwanzig Jahre dauernden Lebens in Oberfranken nichts. Nein, wir sind stets ahnungs­los an ihr vorbeigefahren – ganz nah, wie wir jetzt wissen. Dabei lieben wir Wan­dern so sehr. Von solch heraus­for­dernden Wegen träumen wir immer­zu. Und kein Geringerer als Jean Paul führt uns nun hierher – in dieses bis dahin unerahnte »Idyllenreich«.

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Dann kündet eine hohe Sandsteinbrücke, die wir zwischen Bäumen und Zweigen hindurch erkennen, von Zivilisation und vom Ende des schwarzschattigen Grabens. Über einen steinernen Treppenaufstieg hinauf zur hellen Brücke gelangen wir jetzt auch wieder bequem hinaus. 

Am Westende des Teufelsloch-Weges steht die Sandsteinbrücke.
Am Westende des Teufelsloch-Weges steht die Sandsteinbrücke

Zurück im Licht erzählt uns Stationstafel 144 ein wenig über Teufel und Höllen.

Im Teufelsloch

 

Wie wir Teufel leichter als Götter malen, Furien leichter als die Venus Urania, die Hölle leichter als den Himmel, so glauben wir auch leichter jene als diese, leichter das größte Unglück als das größte Glück: wie sollte nicht unser an Fehlschlagun­gen und Erdenketten gewöhnter Geist über ein Utopien stutzen, an dem die Erde scheitert, damit die Lilien derselben […] das Ufer zum Blühen finden, und das die gequälten Menschen errettet und befriedigt und erhebt und beglückt?

Jean Paul »Das Kampaner Tal«

 

[…] weil der Teufel schleppt ordentlich meinem frömmsten Wachen und Wandel zum Trotze mich im Schlaf Niederliegenden an die sündlichsten Träume hineinschleppt – […]

Jean Paul »Der Komet«

Auf dem Jean-Paul-Weg an der Brücke Teufelsloch – Stationstafel 144 »Im Teufelsloch« und Landschaftstafel 21 »Naturschutzgebiet Teufelsloch«
Auf dem Jean-Paul-Weg an der Brücke Teufelsloch – Stationstafel 144 »Im Teufelsloch« und Landschaftstafel 21 »Naturschutzgebiet Teufelsloch«

Und die Landschaftstafel 21 »Naturschutzgebiet Teufelsloch« erzählt ein wenig über das Teufelsloch selbst.

Naturschutzgebiet Teufelsloch

(Brücke Teufelsloch)

 

Das Teufelsloch (auf der Strecke zwischen Oberwaiz und Waldhütte, Gemeinde Eckersdorf) ist uralt und war bereits im 19. Jahrhundert ein beliebtes Ausflugsziel. Seit 1941 ist es Naturschutzgebiet.

 

Die beiden Felswände des Teufelslochs bildeten einst ein Stück. Sie gehören zum Wall des Rätsandsteins (oder Keuper), der heute noch den Bayreuther Talkessel um­säumt. Das schmale Bächlein, das durch die Felstrümmer des Teufelslochs fließt, hat sich vor Jahrmillionen in die Mulde des einst kompakten Steins gearbeitet und dafür gesorgt, dass sich Felsblock um Felsblock aus der allmählich entstehenden Talwand herauslöste. Das Abgleiten der Gesteinsschichten wird durch die wasser­undurchlässigen und rutschigen Tonlager der Lettenschichten begünstigt. Und die Natur arbeitet weiter …

 

Heute führt der schmale Pfad von der Teufelsbrücke steil hinab – über Moose, Farnkräuter, Fichtenwurzeln und -sämlinge und sogar den seltenen Tannenbär­lapp (sonst nur im Fichtelgebirge zu finden).

Abenteuerlich säumen Teufelskanzel, Teufelssteg, Teufelsbad (ein Tümpel), Teufels­klamm und das enge »wahrhaftige Teufelsloch« die Felsschlucht Richtung Ober­waizer Forst. Auf der anderen Seite der Teufelsbrücke ziehen Bächlein und Schlucht etwas offener in Richtung »Aftergraben«. 

Der »Aftergraben« – »After« hier im alten Sinn von »nachfolgend« – ist eine weitere kleine Schlucht mit schönem Wasserfall. Wir aber lassen ihn buchstäblich links liegen und folgen weiter dem Jean-Paul-Weg – nun auf einem breiten, eben verlaufenden Forstweg, der sich zugleich als Baumlehrpfad entpuppt. Etwa drei Kilometer zieht er sich durch den Limmersdorfer Forst. 

Unterwegs finden wir Landschaftstafel 22 mit dem Titel »Der wildromantische Lettenwinkel«. Sie verweist auf eine von Felsen umrahmte Waldlichtung etwas abseits des Weges.

Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen Teufelsloch und Waldhütte - Landschaftstafel 22 »Der wildromantische Lettenwinkel«
Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen Teufelsloch und Waldhütte – Landschaftstafel 22 »Der wildromantische Lettenwinkel«

Der wildromantische Lettenwinkel

(zwischen Teufelsloch und Waldhütte)

 

Die Felsen im sogenannten Lettenwinkel umrahmten schon zu Jean Pauls Zeiten eine romantische Waldlichtung. Er verdankt seinen Namen jedoch nicht den alten Letten, die hier niemals siedelten, oder den Lettenschichten (Tonschichten), die in dieser Gegend vorkommen, sondern den Angehörigen der Labor-Service-Einheit der US-Army, die aus Lettland stammten, nach 1945 im nahen Forst station­iert und vor allem mit Wachaufgaben betraut waren. Die Soldaten haben ihre Spuren in den Namens-Inschriften in der Rätsandsteinkante hinterlassen, vor allem aber in einer Teufelsfratze, die auf das nahe Teufelsloch verweist: »Velna Ala«: diese lettische Inschrift bedeutet einfach »Teufelsloch«. Der kleine Abstecher dorthin, etwa auf der Mitte der Forststraße Teufelsloch bis Waldhütte, lohnt sich …

Doch wir kommen nicht bis zum Lettenwinkel – wir werden abgelenkt. Ich höre das Schnauben von Pferden und laufe dem schönen Geräusch nach. Zwei Reiterinnen machen gerade Rast – und ich ein Foto. 

Von Tieren abgelenkt zu werden, lohnt sich immer
Von Tieren abgelenkt zu werden, lohnt sich immer

Bald schon erwartet uns Stationstafel 145 – mit Bank. Fidel nutzt die Gelegen­heit, springt hinauf und kann endlich auch einmal eine Tafel lesen. Denn, wie bereits er­wähnt, der Pudel hört nicht nur gut, er versteht auch alles – und er kann schreiben und lesen.

Auf dem Jean-Paul-Weg im Limmersdorfer Forst – Stationstafel 145 »Deutschen-Beschimpfung«
Auf dem Jean-Paul-Weg im Limmersdorfer Forst – Stationstafel 145 »Deutschen-Beschimpfung«

Deutschen-Beschimpfung

 

Es wäre ebenso schlimm für die Erde, wenn es lauter Deutsche, als wenn’s keine gäbe, und kein Volk ersetzt das andere.

 

Sie kamen, sahen und siegten – über alles, was sie erwartete auf den Tischen. Himmel! es waren aufgeklärte Achtzehnjahrhunderter – sie standen ganz für Friedrich II., für die gemäßigte Freiheit und gute Erholung-Lektüre und einen gemäßigten Deismus – und eine gemäßigte Philosophie – sie erklärten sich sehr gegen Geistererscheinungen, Schwärmerei und Extreme – sie lasen ihren Dichter sehr gern als ein Stilistikum zum Vorteil der Geschäfte und zur Abspannung vom Soliden – sie genossen die Nachtigallen, wie die Italiener andere, als Braten und machten mit der Myrte, wie die spanischen Bäcker mit der andern, den Ofen heiß – sie hatten die große Sphinx, die uns das Rätsel des Lebens aufgibt, totgemacht und führten den ausgestopften Balg bei sich und mußten es für ein Wunder halten, daß ein anderer eines annimmt. […] nur für ein Ding brennt ihr frostiger Geist, für den Leib; dieser ist solid und reell, dieser ist eigentlich der Staat, die Religion, die Kunst, und diesem diene die Berliner Monatsschrift. ––

 

[…] – Ich bin ohnehin schon längst die seichte Menschheit durchgewatet […] ihr allgemein-deutsch-bibliothekarischen Menschen, ihr Kopiermaschinen der Kopien, die ihr niemals ahnet und nichts erratet als Ebenbilder, wie selig seid ihr; denn wenn Madame des Houlieres in ihren Idyllen schon einen mouton (Hammel) glücklicher preiset als einen Menschen: wie muß es erst einer sein, der beides zusammen ist! –

 

Jean Paul »Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch«

Manchmal, damals beim Wandern, habe ich die Texte auf den Tafeln schlecht verstanden und wusste mit einzelnen Begriffen, etwa mit einem wie »Giannozzo«, nichts anzufangen – dieses Wort stand dort ganz allein unter dem Text. Ich hätte mich hier und da über eine kurze Erklärung gefreut. 

Heute weiß ich natürlich, dass »Giannozzo« der Titel ei­nes Textes von Jean Paul ist. Vollständig lautet er »Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch« – eine Satire aus dem Jahr 1800. Der Luftschiffer Giannozzo fährt hoch über der Welt und betrachtet die Menschen dort unten, wie sie Kriege führen und das Wissen in den Universitäten verraten. Er sieht lauter aufgeblasene Obrigkeiten und langweilige, vornehme Gesellschaften, die sich allein von ihrer Gewinnsucht leiten lassen. Giannozzo würde am liebsten die Welt verbessern – doch es nicht möglich.

 

Was diese Gesellschaftskritik allerdings mit dem Titel der Stationstafel, »Deutschen-Beschimpfung«, zu tun hat, erschließt sich mir bis heute nicht ganz. Nun denn, bald schon gesellt sich Stationstafel 146 »Europa (und die Bücher)« thematisch hinzu.

Auf dem Jean-Paul-Weg  im Limmersdorfer Forst – Stationstafel 145 »Europa (und die Bücher)«
Auf dem Jean-Paul-Weg im Limmersdorfer Forst – Stationstafel 145 »Europa (und die Bücher)«

Europa (und die Bücher)

 

Europa ist ein durcheinander gewachsener Lianen-Wald, woran die andern Welt­teile als Wucherpflanzen sich aufschlängeln und ausgesogen sich ansaugen. Die Bücher stiften eine Universalrepublik, einen Völkerverein oder eine Gesell­schaft Jesu im schönern Sinne oder humane society, wodurch ein zweites oder doppeltes Europa entsteht, das, wie London, in mehren Grafschaften und Gerichts­barkeiten liegt. Wie nun auf der einen Seite der überall umherfliegende Bücherblumenstaub den Nachteil bringt, daß kein Volk einem unverfälschten, mit keinen fremden Farben besprengten Blumenflor mehr ziehen kann; – wie jetzo kein Staat sich aus sich so rein, langsam, stufenweise wie sonst mehr ausformen kann, sondern wie ihm, gleich einem indischen, aus Tierleibern zusammengereiheten Götterbilde, die verschiedenen Glieder der Nachbarstaaten in seine Bildung hinein verwachsen: so ist auf der andern Seite durch das ökumenische Konzilium der Bücherwelt kein Geist mehr der Provinzialversammlung seines Volks knechtisch angekettet – und ihn führet eine unsichtbare Kirche aus der sichtbaren heraus. – Und darum nun wird jetzo mit einiger Hoffnung gegen die Zeit erzogen, weil man weiß, das gesprochne Wort des deutschen Lehrers klinge vom dem gedruckten wieder und der Weltbürger gehe unter der Aufsicht der Universalrepublik nicht im Bürger eines verderbenden Staats zugrunde, um so mehr, da, wenn Bücher verstorben, aber verklärte Menschen sind, ihr Lehrling sich immer zu ihren lebendigen Seitenverwandten halten wird.

Jean Paul »Levana oder Erziehlehre«

Wie immer am Ende einer Etappe freuen wir uns über die Möglichkeit einer vielversprechenden Einkehr. Heute ist es die »Waldhütte«, und sie liegt, wie ihr Name schon verrät, mitten im Wald. Im Sommer kann man auch draußen sit­zen – davon zeugen die vielen Biertische- und bänke. Heute aber ist es schon ziemlich frisch, drau­ßen ist niemand mehr.

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Es scheint ein wenig menschenleer, sodass wir befürchten, die Gaststube sei geschlossen. Aber welch ein Glück – die Tür ist offen, und uns strömt eine Welle wunderbar warmer Luft entgegen. Es wird gut geheizt heute. In der Stube bullern sogar zwei Öfen um die Wette. Ein paar Leute sind da. Wir nehmen auf einer Eckbank Platz. Für Fidel habe ich immer eine kleine, alte Decke dabei, die ich unter die Bank lege. So weiß er: »Ah, es gibt eine Decke! Das bedeutet, dass es hier länger dauert, und ich kann nun getrost eine Weile schlafen.« Schnell verschwin­det er unter der Bank und schlummert nach dieser Wanderung zufrieden im warmen Dunkel tief und fest. Ich fürchte, die »Wirtshaus-Fidel-Decke-Geschichte« erzähle ich bei jeder Einkehr. Ich bitte inniglich um Gnade.

Das erste Bier wird schnell gereicht. Unser Blick schweift umher. Die Stube sieht aus, als hätte seit ewigen Zeiten niemand etwas verändert. Ich will ein paar Fotos machen, aber mein Fotoapparat ist kaputt. Habe ihn im Wald fallen lassen. Der wievielte ist das eigentlich jetzt?

 

Das Feuer knistert, in der Küche wird geklappert, die Gäste plaudern. An die­sem Herbsttag ist mir das so heimelig. Die Wirtin, die uns das Bier gebracht hat, ist schon betagt. Sie setzt sich selbst an einen Gasttisch und liest die »Bild-Zeitung«.

Zu einem neuen Gast, der gerade hereinkommt, bemerkt sie kurz: »Der Fußball war scho blamabel.«

Dann zu einem, der gerade geht: »Komm gut heim und fahr net wieder an Platten, Eberhard.«

Eberhard: »Ade, Anni.«

Anni: »Wart, da hob i noch was …«

Sie steht auf, geht in die Küche und kommt mit einer Tupperdose wieder heraus: »… da, nimsd die mit. San ausm Wald. Die Pfiffer san scho fertig, die Staapilz brädst nur mit Pfeffer un Salz.«

»Des kanni, Anni.«

»No, was willst du no im Wald numdappen, da bricht ma sich doch die Baa.« 

Sagt gerade die Anni – in ihrem Alter! denke ich mir.

»In Italien, Anni, da isst man die roh! Nur mit Parmesan und Salat.«

Er bedankt sich noch – und weg ist er.

 

Anni liest weiter »Bild-Zeitung«. Dann spricht sie zu anderen Gästen, die weiter hinten sitzen: »Die Lilli is die Treppn runtergfallen. An ganzen Doch hat die glegn bis die Putzfraa se gfunna hat. A ganz dörrs Waibla ist die … un am Deinzer is a schlecht ganga – oder haast der Daunzer? Na, der Daunzer war der in Kulm­bach – und der Doktor Deinzer war der in Barait (Bayreuth). Jedenfalls, der Deinzer muss opriert werden. Hat der geschimpft – der wollt net. Aber auch ein Doktor muss sich operieren lassen!«

 

Ich glühe mittlerweile – so warm ist es hier. 

In der Waldhütte im Jahr 2012 – habe das Foto mit dem Handy gemacht, weil mein Fotoapparat kaputt ist
In der Waldhütte im Jahr 2012 – habe das Foto mit dem Handy gemacht, weil mein Fotoapparat kaputt ist

Die »Waldhütte« gibt es heute so nicht mehr. Aber was ist aus Anni geworden?

 

Am Donnerstag, dem 19. September 2013, wurde Anni offiziell verabschiedet. Noch einmal kamen Freunde, Stammgäste, Vertreter der Bayerischen Staatsforsten und der Kulmbacher Brauerei. Alles Menschen, die Anni kannten, die seit Jahrzehnten in der Waldhütte ein uns aus gingen – ob als Kartler, die sich wöchentlich trafen, als Lieferanten oder als Gäste bei unzähligen Festen wie Taufen, Konfirmationen oder Hochzeiten.

 

Die Waldhütte bei Eckersdorf war für viele Wanderer ein vertrauter Halt. Für Anni Baumann war sie ein ganzes Leben. Fünfunddreißig Jahre lang führte sie hier oben im Wald ihr kleines Wirtshaus, versorgte Gäste mit allem Möglichen, heizte den Ofen, trug Holz, zapfte Bier. Nach dem Tod ihres Mannes vor neun Jahren lebte sie allein in der Hütte, meisterte strengste Wintereinbrüche und verheerende Gewitterstürme. Angst hatte sie nie. 

 

Die Hütte selbst war alt. Das Dach reparaturbedürftig, die Toiletten marode. Mit achtundsiebzig Jahren war Annis Kraft zu Ende, die schwere Arbeit kaum mehr zu stemmen. Der Abschied war unvermeidlich – aber nicht weniger schmerzlich. Am 29. September 2013 schenkte Anni Baumann zum letzten Mal Bier aus. Danach blieb es in der Hütte still. Die Menschen, die sie über Jahrzehnte begleitet hatte, trauerten um den Verlust ihres vertrauten Ortes. Sie waren wie verloren. Wohin sollten sie jetzt gehen?

 

Für Anni endete ein Lebensabschnitt, erfüllt von harter Arbeit, Begegnungen und kleinen, unvergesslichen Momenten. So auch unser Moment bei ihr. In dieser »Waldhütte« erschien uns das pure Glück – in Gestalt der Wirtin Anni. 

 

Über Annis Abschied schrieb Heike Hampl im Nordbayerischen Kurier.

Mehr zur heutigen Waldhütte findet man unter Waldhuette.de – dort zeigt sich die Hütte in neuer Pächterhand und in neuem Look. 

 

Nach einer kleinen Brotzeit trollen wir uns – leicht schläfrig geworden – wieder hinaus und fort ins Wäldchen. Es däm­mert schon. Irgend­wie hatten wir uns so wohlig aufgewärmt, dass wir draußen die wichtige Groß- und Sonderstation 147 »Jean Paul und die Waldhütte« völlig übersehen haben. Doch sei sie hiermit wenigstens schriftlich festgehalten.

Jean Paul und die Waldhütte

 

Markgräfliche Jagdlust

 

Die Waldhütte wurde um 1750 als Markgräfliche Försterei gegründet. Da die Markgrafen die Jagd liebten, ist anzunehmen, dass auch Markgraf Friedrich und Markgräfin Wilhelmine hier eingekehrt sind.

Im nahen Neustädtlein am Forst bestand schon ein kleines Schloss. Bereits 1398 ist dort ein herrschaftlicher Ansitz bezeugt, der den Herren von Lüchau gehörte, die auch in Donndorf – bei der späteren Fantaisie – Güter besaßen.

Markgraf Georg Wilhelm ließ 1726 in Neustädtlein über den mittelalterlichen Grundmauern des Ansitzes ein sehr hübsches Jagdschlösschen errichten, an dem der Jean-Paul-Weg nach Sanspareil vorbeiführt.

Seit dem 19. Jahrhundert galt die Waldhütte als romantisches Ausflugsziel. So kam auch Richard Wagner seit 1877 oft und gern mit seiner Familie an diesen idyllischen Ort, wo er meist bei bester Laune war.

Ob Jean Paul jemals hier war, ist nicht historisch bezeugt, aber es ist leicht vorstell­bar, dass er auch diesen schönen Ort geschätzt hätte.

Die Liebe im Walde

 

Nämlich im Fangwalde seines Vaters stand ein einsames Jägerhaus, worin nichts wohnte als der verwittibte Jäger mit seiner einzigen Tochter, welche man jetzt schon in ihren unreifen Jahren die Wildmeisterin nannte, weil sie dem Jagdmann Haus­frau, Haushofmeister, Ratskollegium und alles war, was er brauchte, um ruhig zu schießen und zu schnarchen.

Die Wildmeisterin – Drotta – hatte Helfen schon in der Kindheit, wenn sein Vater im Walde Finken durch Aneinanderleimen fing, auf schönere Weise an ihre Psyches-Flügel geleimt, weil er immer zu ihr hineinsprang. Sie hatte aber den Fehler, den sie lange fortsetzte, daß sie ihren jungen Siegwart häufig ausprügelte, eine Sache, für welche er aus Geschmack so wenig war, daß er am Ende nur auf den Waldberg ging, von welchem aus er geradezu die Fenster des Jägerhauses und auf den Spielplatz sehen und alles finden konnte, was einem Herzchen Flügel und Flammen gibt.

Jean Paul »Leben Fibels«

Die Waldhütte als »letzter Ort«

 

Wenn du in der Schlacht, wo Tausende mit dir wirken und stürmen, mitten in der blitzenden donnernden Menschenwelt stehst und mitglühst: so siehst du keine Einsamkeit, sondern eine ganze Menschheit um dich; – und doch ist eigentlich niemand bei dir als du. Eine einzige Bleikugel, welche als ein finsterer Erdball in deine Himmel – oder Gehirnkugel dringt, wirft das ganze Schall- und Feuerreich der Gegenwart um dich fern hinunter in die Tiefe, du liegst als Einsiedler im Getümmel, und hinter den zugeschloßnen Sinnen schweigt die Welt; dieselbe Einsamkeit umschließt dich, ob dir in der entlegnen Waldhütte oder auf dem Pracht- und Trommelmarkte des Todes die Sinnen brechen. […] Wenn aber auf diese Weise, was aus der Ferne als Menschenbund gesehen, in der Nähe nur eine Menschentrennung wird und ein Einsiedlerheer, ein unauflöslicher Nebelfleck zusammenfließender Sonnen ist, welche in der Wahrheit sich voneinander durch Weltenräume scheiden; – und wenn dieses, was für die Prunkstätten des Lebens gilt, ebenso für jede andere Stätte gilt: ist denn nichts vorhanden, damit der Einzelne nicht einzeln bleibe, sondern sich zu einem Ganzen und Großen vereine? Ja, ein Wesen lebt von Ewigkeit, das alle Wesen zugleich bewohnt und beherbergt

und so alle einander selber zunähert. Wir sind Sennenhirten, jeder auf seiner Alpenspitze fern vom andern, aber der Gesang geht zu den Hirten über die Abgründe hinüber und herüber und wohnt und spricht von Berg zu Berg in denselben Herzen auf einmal. So sind wir alle nicht allein, sondern immer bei dem, der wieder bei allen ist und in welchem alles von innen und außen zusammenfließt; und dies ist Gott, durch den allein das Größe und Liebe wird, was in der Welt Größe und Liebe scheint. – Und so bleibt denn auch nicht einmal unsere letzte dunkelste verschlossenste Minute einsam.

Jean Paul »Der Komet« (1820)

Der Traum im Walde

 

Mir träumte, ich stehe in der zweiten Welt: um mich war eine dunkelgrüne Aue, die in der Ferne in hellere Blumen überging und in hochrote Wälder und in durchsichtige Berge voll Goldadern – hinter den krystallenen Gebirgen loderte Morgenrot, von perlenden Regenbogen umhangen – auf den glimmenden Waldungen lagen statt der Tautropfen niedergefallene Sonnen, und um die Blumen hingen, wie fliegender Sommer, Nebelsterne.... Zuweilen schwankten die Auen, aber nicht von Zephiryn [Windgottheiten], sondern von Seelen, die sie mit unsichtbaren Flügeln bestreiften. –– Ich war in der zweiten Welt unsichtbar; unsere Hülle ist dort nur ein kleiner Leichenschleier, nur eine nicht ganz gefallene Nebelflocke.

Jean Paul »Siebenkäs/Der Traum im Traum«

Die beiden letzten Passagen gehören zu den schönsten Texten Jean Pauls! Darin beschreibt er jeweils die »zweite Welt« – jene paradiesische Welt voll liebender Wesen. Einer Welt, nach der wir uns alle ganz tief in unserem Innersten sehnen – jeder Mensch, ob gut oder böse. Sie existiert – in unserer Vorstellung. Doch warum setzen wir alles daran, ausgerechnet diese Vorstellung nicht Wirklichkeit werden zu lassen? Wo wir doch nahezu alle anderen Vorstellungen zu realisieren vermögen?

 

Den restlichen Text der Groß- und Sonderstation 147 zitiere ich auch, weil er ebenfalls auf der Tafel steht. Was jedoch das Jagdmuseum auf Burg Zwernitz mit Jean Paul zu tun hat, erschließt sich mir nicht wirklich. Nun denn – alles, was mit dem Thema »Jagd« zu tun hat, mag ich gar nicht, wie man schon reichlich erfahren konnte. Ich werde mich der Huldigertruppe auch nicht im Entferntesten anschließen. Ich bezweifle auch, dass Jean Paul sich unter Jägern mit ihrem Jägergetue wohlgefühlt hätte.

Das Jagdmuseum zu Zwernitz

 

»Die Jagd der Hohenzollern in Franken« ist der eigentliche Titel dieses in Burg Zwernitz bei Sanspareil von der Bayerischen Schlösserverwaltung neu eröffneten Museums. Die höfische Jagd wird anhand teilweise sehr wertvoller historischer Ex­ponate an einem originalen Schauplatz, dem markgräflichen Jagdrevier Sanspareil, thematisiert und macht eine uns heute fremd gewordenen Epoche wieder anschau­lich und lebendig.

 

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die 22 Jagdgemälde, die die Oberfranken­stiftung als Dauerleihgaben zur Verfügung stellt. Daneben werden in Vitrinen u. a. Gewehre, Jagdbekleidung, Urkunden, Waffen, Geweihe, Gläser und andere Jagduten­silien gezeigt.

Wenn ich die beiden vorhergehenden Texte Jean Pauls auf der Stationstafel 147 lese – »Waldhütte als letzter Ort« und »Der Traum im Walde« –, so stehen für mich die Begriffe »Wald« oder »Waldhütte« für etwas ganz anderes: für den Traum, für die zweite Welt, für Einsamkeit, für Schutz, für Größe und Liebe. Ich glaube, das Thema »Jagd« hätte Jean Paul nie mit dem Thema »Waldhütte« verbunden.

 

Aber sei’s drum – wir entfernen uns nun von der »Waldhütte« und wandern auf einem breiten Forstweg in Richtung Neustädtlein. Wir sind schon fast zwei Kilometer unterwegs, da sage ich zu Peter: »Riech mal! Es duftet ja immer noch nach Holzofenrauch. Bis hier strömt Annis Öfchen hin!«

 

Langsam jedoch »wächst« der breite Weg zu, wird immer schmaler und arkadischer. Im Laufe der Zeit hat sich die Natur ihr Land zurückerobert. Kleine Tannen säumen den Weg oder stehen mitten darauf, hingestellt wie Weihnachtsbäumchen. Gras darf ungehindert sprießen, Moos und Pilze überall – nun wandeln wir nur noch einspurig. Am Ende ist der Pfad gar ganz verwildert. Aber Stationstafel 148 zeigt uns immer noch tapfer den Weg zurück zur Zivilisation.

Jean Pauls Spitz* schreibt an den Jagdfürsten**

 

Ich* kann Attentate von meinem Prinzipal beibringen, daß ich so wenig von der Jagd verstehe als er und daß ich stets hinter seinem Stock der nächste bin; und die einzige niedere Jagd und freie Pirsch, die ich mir erlaube, weil mich der Reichsanzeiger dazu ermuntert, ist zu Zeiten eine Feldmaus. Da ich nun mein Brod bei meinem Brodherrn verlieren würde, wenn er mich nicht außerhalb des Tors brauchen dürfte, wohin gerade seine Geschäfte mit mir fallen – da ich sein einziger Viehstand bin und seine Poularderie und Fasanerie und sein Wappentier; und da sie ihn gewiß halb so lieben als er Sie; und da Sie oft, wenn Sie bei ihm waren, die Gnade gehabt, mich armen Hund zu streicheln und zu sagen: Komm Spitz – so verseh ich mich zu meinem Glückstern und Hundstern, daß mir verstattet werde, früher als ich zu Schuhen zugeschnitten bin und auf andern Füßen als auf fremden, vor das Tor zu kommen.

 

Meiningen, 19. September 1802

 

* Spitz [zur Zeit Hund bei Herrn Jean Paul]

** an den Herzog Georg I. von Meiningen

Ich ahnte es schon. Auch Spitze können lesen und schreiben und halten – wie Pudel – wenig von der Jagd. 

 

Durch Gestrüpp klettern wir nun ins Dorf Neustädtleinfast wie durch ein Tor, durch das wir nun in das güldene Licht der untergehenden Herbstsonne treten. Vor uns liegt das alte Schlösschen, daneben ein kleines Holzhaus, eine Frau fegt gerade Laub. Vor dem Gasthaus »Zur Linde« (eine Webseite konnte ich nicht finden) steht tatsächlich eine riesige, steinalte Linde. Neben ihr sitzen noch ein paar Gäste in den letzten warmen Sonnenstrahlen und genießen den späten Samstagnach­mittag in Vorfreude auf den Sonntag.

Und weil wir uns in der Nähe von Limmersdorf befinden, lässt sich dieser wunderbare Tag noch einmal krönen – mit einem Besuch in der »Pöhlmannschen Gastwirtschaft zur realen Schenkgerechtigkeit«.

Limmersdorf – das Dorf, in dem es noch eine echte Tanzlinde mit Tanzlindenfest gibt.

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Die »Pöhlmannsche Gastwirtschaft« ist eine Wirtschaft, wie es sie heute wohl kaum noch gibt. Nicht nur, dass sie in ihrem Urzustand verblieben ist – hier darf man sogar noch rauchen! Es ist das einzige Gasthaus, in dem mich das über­haupt nicht stört. Auf dem Fernseher im geöffneten Wandschrank läuft die Sportschau – Bundesliga. Vor Ausstrahlung des Spielberichts darf kein Gast die Ergebnisse verraten. Das ist Gesetz.

 

Direkt neben dem Wirtshaus lebt ein kleiner Biergarten unter alten Linden, die mit ihren Ästen ein Mützchen über die Bierbänke und -tische gehäkelt haben. Jahrzehnte braucht es für solch ein »Laubendach«. Im Sommer lässt es sich hier herrlich in Seligkeit versinken.

Fidel schläft wieder tief und fest unter der Bank, auf seiner »Wirtshaus-Fidel-Decke«. Dass seine Beine bis unter den Bauch völlig vermatscht sind, interessiert ihn nicht. Uns auch nicht. Es gibt Bernsteinbier von der Kulmbacher Kommunbräu, und wir haben schon wieder Glück: Veit Pöhlmann, der Wirt, der wegen seiner Statur oft für Peters Bruder gehalten wird, verkündet, dass er heute selbstgemachte Bratkartoffeln hat. Dazu gibt es allerbeste Sülze. Das Bier kostet noch immer 1,50 Euro und die Brotzeiten 3 Euro.

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