Bindlach – Bayreuth
Den kompletten Verlauf des Jean-Paul-Wegs finden Sie hier: Literaturportal Bayern
Donnerstag, 11. Oktober 2012. Zwei Wochen später. Für diese Etappe haben wir wieder einen besonders schönen Herbsttag mit viel güldenem Sonnenschein gewählt.
Das heutige Ziel – den Rodersberg oberhalb von Bayreuth – kennen wir bereits. Hier liegt der Golfplatz, und hier begegneten wir im vergangenen Winter auch jener Stationstafel 107, die uns überhaupt erst zum Wandern auf dem Jean-Paul-Weg veranlasst hat. Die Aussicht von hier oben auf Bayreuth ist wunderschön – egal zu welcher Jahreszeit. Aber wenn im Herbst die Sonne scheint und die Bayreuther Ebene im Dunst wie ein opalfarbener Teppich vor einem schwebt, dann ist alles so andächtig, still fließend wie ein großer Strom. Fast schon eine Art Gnadenbild.
Aber beginnen wir erst einmal direkt in Bindlach, bei Stationstafel 102. Sie steht auf dem Kirchplatz vor der prächtigen Barockkirche der evangelischen Gemeinde St. Bartholomäus.
Vater auf der Orgel, Sohn auf dem Klavier
Der Tonkunst war meine Seele (vielleicht der väterlichen ähnlich) überall aufgetan und sie hatte für sie hundert Argus-Ohren. Wenn der Schulmeister die Kirchengänger mit Finalkadenzen heimorgelte; so lachte und hüpfte mein ganzes kleines gehobnes Wesen wie in einen Frühling hinein; oder wenn gar am Morgen nach den Nachttänzen der Kirchweihe, welchen mein Vater am nächsten Sonntage lauter donnernde Bannstrahlen nachschickte, zu seinem Leidwesen die fremden Musikanten samt den gebänderten Bauerpurschen vor der Mauer unseres Pfarrhofes mit Schalmeien und Geigen vorüberzogen: so stieg ich auf die Mauer und eine helle Jubelwelt durchklang meine noch enge Brust und Frühlinge der Lust spielten darin mit Frühlingen und an des Vaters Predigten dacht’ ich mit keiner Silbe. Stunden widmete ich auf einem alten verstimmten Klaviere, dessen Stimmhammer und Stimmeister nur das Wetter war, dem Abtrommeln meiner Phantasien, welche gewiß freier waren als irgend kühne in ganz Europa, schon darum, weil ich keine Note kannte und keinen Griff und gar nichts; denn mein so klavierfertiger Vater wies mir keine Taste und Note. Aber wenn ich doch zuweilen – wie gute neue Tonsetzer für Seil- und Hexentänze und Finger auf Klaviersaiten – eine kurze Melodie oder Harmonie von drei bis sechs Saiten aufgriff: so war ich ein seliger Mann und wiederholte den Fingerfund so unaufhörlich.
Jean Paul »Selberlebensbeschreibung«
Wir wandern Herbst in unsere Herzen, warm und beschaulich aus Bindlach hinaus.
Wir sind auf einem Feldweg unterwegs, als plötzlich ein uralter Unimog langsam an uns vorbeibrummt. Wir bemerken, Unimogs können gar nicht donnern. Aber wieso fährt hier überhaupt ein Unimog?
Das Rätsel löst sich schnell: Der kleine Laster ist unterwegs zu einem Weingarten. Ein Weingarten in dieser Region? Ein Schild gibt uns Aufschluss: Es handelt sich um den »Weingarten auf dem Wendelshügel«, ein Projekt des Obst- und Gartenbauvereins Bindlach. Im Jahr 2007 haben die Vereinsmitglieder südlich des Vereinsgartens einen kleinen Weinberg mit einhundert Rebstöcken angelegt, der für jedermann offen ist und gerne besucht wird.
Unter so viel Sonne denke ich an eine Strophe aus Rilkes Gedicht»Herbsttag«:
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Von hier aus hat man einen herrlichen Blick auf Bindlach.
Nicht weit entfernt bietet Stationstafel 103 mit dem Titel »Zwei Bäume« an, dass man sie gerne wörtlich nehmen darf – was Fidel, im Gegensatz zu uns, sofort verstanden hat.
Zwei Bäume
Besonders frisch und grün aber sind noch zwei andere Herbstblumen der Freude in seinen Gehirnkammern erhalten und aufbewahrt, und beide sind Bäume. Der eine ist bloß ein dickzweigiger hoher Muskatellerbirnbaum im Pfarrhofe, an dessen herrlichen Fruchtgehängen die Kinder den ganzen Herbst hindurch künstliches Fallobst hervorzubringen versuchten, bis endlich an einem der wichtigsten Tage der Jahrzeit der Vater den verbotenen Baum selber auf der Leiter bestieg und das süße Paradies herunterholte für das ganze Haus und für den Bratofen. – Der andere immer grüne und noch herrlicher fortblühende Baum ist aber kleiner, nämlich die abgehauene Birke, welche jährlich an dem Andreasabend bei dem Stamme vom alten Holzhauer in die Stube geschleppt und dann in einen weiten Topf mit Wasser und Kalk gepflanzt wurde, damit sie gerade zur Weihnachtzeit, wenn die goldnen Früchte an sie gehangen wurden, schon die rechten grünen Blätter dazu trüge. Es hatte diese Birke, keine Trauer- sondern eine Jubelbirke, das Eigne an sich, daß sie den dunklen Dezemberweg bis zum Christfest mit Freudenblumen bestreuete, nämlich mit ihren hervorgenötigten Blättchen, wovon jedes neue wie ein Uhrzeiger auf einen zurückgelegten Tag hinwies, und daß jedes Kind unter diesem Maienbaum des Winters sein Laubhüttenfest der Phantasien feiern konnte.
Jean Paul »Selberlebensbeschreibung«
Ach, und wäre es nicht schon genug an herbstlichem Füllhorn, malt sich ein anderes Stimmungsbild vor den Horizont. Etwas weiter entfernt, unter einem großen Baum auf einer Bank, sitzen zwei Frauen in der warmen Sonne und unterhalten sich unentwegt angeregt. Die ganze Zeit bleiben sie dort sitzen und schwatzen laut, wie Franken es eben tun. Man könnte man fast sagen, sie schreien, denn wir hören sie noch lange. Auf diese Weise begleiten sie uns ein gutes Stück des Weges. Das klingt so schön, so schön nach »Zeit haben«, nach Menschen, die das tun, was sie am liebsten tun. Sich miteinander austauschen.
Dann müssen wir wieder zwischen abgemähten und plattgefahren Maisfeldern weiterwandern. Immer wieder donnern Landmaschinen an uns vorbei. Immer wieder muss ich schnell nach Fidel greifen und ihn auf den Arm nehmen. Gestresst gelangen wir nach Allersdorf und verfangen uns erneut im Wegweisergeflecht. Manchmal ist es nicht entwirrbar. Wir laufen hin und wieder zurück und wiederum hin. Ich laufe alleine vor und gucke, wo es weitergeht. Peter studiert die Karte. Ein GPS-Gerät besitzen wir nicht.
»Da hinten ist eine Bank. Jetzt gibts ne Pause!«, beschließe ich. Ein wunderschöner Sonnenplatz.

Danach geht es wieder hinein ins Grün. Boten des Herbstes und des Erntedanks säumen unseren Weg.
So auch die Worte von Jean Paul auf Stationstafel 104, die uns wohl aus der Sonne ins Dunkel ziehen wollen.
Hölle und Teufel im Diesseits
In der Tat sollten Teufel sich mehr bedenken, ehe sie über die Menschen, die doch ihre adoptierten Kinder sind, herfahren und sie für Tugend-Puritaner erklären, bloß weil sich einer und der andere auch in erhabenen Empfindungen im Vorübergehen scherzweise versuchen will. O wie ungerecht! Fressen sie sich denn darum sofort in den Kerl auf immer ein, und zieht er damit wie mit Hitzblattern und Höckern im Halberstädtischen und unter Reußen und Preußen räudig herum? Mir wenigstens sind solche Überbeine des Erhabenen weder in Bordellen, noch Kaffeehäusern, noch Spieltischen an solchen Reisenden zu Händen gekommen. Die Schlange wechselt zwar oft die Haut, aber nie die nützlichen Giftzähne.
Jean Paul »Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch«
So wie der Teufel in dem Körper des Studenten, den er getötet hatte, auf Befehl des Magikers Agrippa [gemeint ist der Arzt, Philosoph und Schwarzkünstler Agrippa von Nettesheim, 1486–1535] einige Zeit die Stelle der Seele vertrat, und mit den fremden Füßen einen Tag spazieren ging …
Jean Paul »Grönländische Prozesse«
[…] ein Heidenbekehrer in Grönland, welcher, nachdem er mit aller aufgebotenen Rede-Macht den Zuhörern die Hölle recht heiß gemacht zu haben hoffte, zu seinem Staunen immer größere Heiterkeit auf den grönländischen Gesichtern entstehen sah, bis er endlich außerhalb der Kanzel erfuhr, daß er in sämtlichen Kirchengängern durch sein so warmes Gemälde der Hölle ein besonderes Sehnen erregt, in diese zu fahren, gleichsam in ein milderes Klima als ihres.
Jean Paul »Levana oder Erziehlehre«
Also – wenn man in grönländischer Umgebung lebt, kommt einem die Hölle angenehm warm vor – da will man hinein. Warme Hölle ist besser als eisige Tugend.
Äpfel über Äpfel
Der Weg führt an Wochenendgrundstücken vorbei. Zäune, Lauben, Tore, Einfahrten. Hinter einem Maschendrahtzaun entdecken wir eine große Wiese mit altem Apfelbaumbestand. Äpfel über Äpfel. Und ich muss mich wiederholen! Dieses Jahr ist ein Apfeljahr. So viele und so rote Äpfel habe ich noch nie gesehen. Wohin nur damit?
In jedem Garten kann man die Besitzer umherwuseln sehen. Die Ernte muss eingebracht werden, solange das Wetter noch gut ist. Wir plaudern mit einer Frau über den Zaun hinweg. Sie klagt, das sei ja so eine Sauerei. Die Äpfel seien zwar schön rot, aber sie wären total sauer – und genauso sauer sei sie auch auf die Vorbesitzer des Grundstücks.
»Wie konnten die nur eine so unbrauchbare Sorte anpflanzen!«, schimpft sie.
»Was machen Sie denn dann mit den vielen Äpfeln?«, frage ich.
»Da kommt heut noch einer vorbei, der holt sie ab. Zum Saftmachen.«
»Dann haben Sie ja wenigstens etwas davon«, meine ich.
»Na, na. Der kann den Saft selber trinken. Der schmeckt ja net.«
Aha. So, so. Wir grüßen noch und wünschen ihr einen schönen Herbst.
Jetzt geht’s ein wenig bergab, hinunter zur vielbefahrenen Verbindungsstraße von Bayreuth nach Weidenberg. Wir müssen sie überqueren. Gleich danach laufen wir kurz hintereinander dreimal über denselben Bahndamm. Lustig.
Glöckchenklang ist zu vernehmen. Wie von weit. Lieblich bimmelt es uns ins Gemüt. Arkadisch erscheint uns die Welt heute, so voll Licht und Klang. Dann entdecken wir, woher die himmlischen Töne kommen. Es ist ein Windspiel, das an einem Eingang eines alleinstehenden Hauses hängt und im Wind sein Tänzchen macht.
Wir fassen uns an den Händen, Fidel läuft zwischen uns. Die Schatten sind schon lang, und jetzt wandern sie vor uns mit.
»Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht«
Wir streifen den kleinen Ort Höflas und begegnen der ersten von drei Stationstafeln, jeweils mit einer Passage aus »Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht«.
In dieser kurzen Erzählung ist der Ich-Erzähler ein Schriftsteller – eigentlich Jean Paul selbst. Es ist die eisigkalte Silvesternacht zum neuen Jahrhundert. Er befindet sich allein in seinem Schlößlein zu Mittelspitz; seine geliebte Ehefrau Hermine ist nicht da. Sie besucht eine kranke Freundin, hat ihm aber versprochen, noch vor Mitternacht zurückzukehren.
Schon den ganzen Tag hat er darüber nachgedacht, was er am kommenden Neujahrstag über die Zukunft schreiben wolle. Doch wer über die Zukunft nachdenkt, denkt zunächst auch über die Vergangenheit nach. Sie ist voller Sterben, Schwerter und Todesengel. Wird nun auch die Zukunft so werden? Bei diesen Gedanken wird es ihm unwohl. Er ist von Frost und Migräne geplagt, sitzt am Fenster, ist wach und gerät vor Schrecken in eine Art Trance … [ich] … bedeckte die Augen mit der Hand und ließ alles vor mir vorüberziehen, weswegen der Mensch das Leben eitel und nichtig nennt – schnell eilten die künftigen Jahrhunderte, wie Fixsterne vor dem Sternrohr, vorbei, endlich kamen lange Jahrtausende und trieben ein Volk nach dem anderen aus den Städten in die Gräber; die Generationen verfolgten einander wie fliegende Strichregen und schossen in die Grüfte herunter und rissen den Himmel auf, worin der Todesengel sein Schwert durch die Welten hob und keine Sterbenden, sondern bloß das Sterben sah. – …
Dann erscheint ihm eine sonderbare Gesellschaft:
… Während dieser Phantasien war mir einige Male gewesen, als hört’ ich leise Worte; endlich vernahm ich nahe an mir diese: »Die drei Propheten der Zeit«; ich tat die Hand vom Auge – – die wunderbare Nacht-Gesellschaft war im Zimmer. Ein langer, totenblasser, in einen schwarzen Mantel gewickelter Jüngling mit einem kleinen Bart (wie der an Christusköpfen), über dessen Schwarz die Röte des lebendigen Mundes höher glühte, stand vor mir, mit einem Arme leicht an einen Stuhl gelehnt, worauf ein erhaben-schöner, etwa zweijähriger Knabe saß und mich sehr ernst und klug anblickte. Neben dem Stuhl kniete eine weißverschleierte Jungfrau, […]. Auf dem Kanapee saß eine rotgeschminkte Maske mit einer seitwärts gezognen Nase und mit einer Schlafmütze; neben ihr ein unangenehmes, mageres Wesen mit einem Schwedenkopf [glatte, kurzgeschnittene Haartracht, eine revolutionäre Mode der Zeit] und feuerroten Kollet [Uniformjacke], höhnisch anblinzelnd, das nackte Gebiß entblößend, weil die Lippen zu kurz waren zur Decke, und ein Sprachrohr in der Hand.
Himmel! wer sind sie, wie kamen sie, was wollen sie? […]
»Mein Name ist Pfeifenberger« (redete der widrige Schwedenkopf mich durch das angesetzte Sprachrohr, aber leise, an) – »Wir sind die drei Propheten der Zeit und weissagen Ihm, mein Freund, so lange, bis das Jahrhundert dezembrisiert [ermordet] ist. Ich spreche zuerst.« – …
»Himmel! wer sind sie, wie kamen sie, was wollen sie?« durchfährt es ihn.
Und tatsächlich – es sind die drei Propheten der Zeit, und sie weissagen ihm die Zukunft: Sie wird schauerlich, eisig, herzlos, düster und einsam – einem Nachtmahr gleich.
Ein Prophet nach dem anderen erhebt das Wort, bis … die geschminkte Maske einen entsetzlich-langen Perioden an[fing] und sagte mit eintöniger ergreifender Stimme: »Wenn die große Uhr in der Marienkirche zu Lübeck nicht mehr zu brauchen sein wird, weil sie gar zu oft umgestellet worden, und weil auch der Mond schon anders umläuft als sie [Sie zeigt den täglichen Stand und Gang der Himmelskörper etc. bis zum Jahr 1875; dann muss sie verändert werden.] – Wenn mancher Hottentott noch einen alten, nach »verbesserter und alter Zeit wohl eingerichteten lustigen Historienkalender auf das gemeine Jahr 100 000« vorweisen kann, […]«…
So beginnt der lange, lange Satz mit den vielen »Wenns« am Anfang – so, wie er auch auf Stationstafel 105 zu lesen ist.
Im Original ist es ein Fließtext. Zur besseren Lesbarkeit haben wir ihn hier in Absätze unterteilt.
Science Fiction – Im Jahre 100 000 (Teil 1)
»[…] Wenn wegen der entsetzlichen Bevölkerung alle Dörfer sich zu Städten ausgebauet und die großen Städte mit den Toren aneinanderstoßen und
Paris bloß ein Stadtviertel ist und der Landmann oft auf seinem Dache ackert, das er ganz artig urbar gemacht –
Wenn in ganz Europa so schwer ein hölzernes Haus zu finden ist wie jetzt ein goldnes, bloß weil man bei dem mir begreiflichen Holzmangel statt
der Silberstangen Holzstangen sowohl aus Indien holen muß als aus unsern Schachten, wo die Vorwelt sie so vorsichtig aufgespeichert; daher es leicht zu erklären, warum man dann Glas nur mit sich,
nämlich mit Brenngläsern macht, und warum man im Winter so künstlich von außen heizt mit der Sonne durch besonders geschliffne Scheiben –
Wenn endlich, weil durch ewiges Graben und Münzen das Geld schon lange zu spartischem Eisengeld devalviert geworden, nur Perlen die kleine
Münze sind und Juwelen die große –
Wenn die Prachtgesetze die einfache alte wohlfeilere Tracht zurückgeführt, indem sie überall auf Seide bestanden, und wenn die Mode die
höchsten Verlängerungen und Verkürzungen (bis zur Nationalkleidung der Menschheit, der Nacktheit) und jede Versetzung durchgespielt, so daß bei Weibern die maillots, die Schürzen am Hals, die am
Rücken, die hinten offnen Totentalare, die bed-mats, und bei Männern die mat-beds, die peaux de lion, die Berghabite, die hinten zugeschnallt und zugespitzten Schuhe, die hinten zugeknöpften
Röcke, der doppelte Schuh und die Schleier und Schürzen wieder schon ein paarmal ab- und aufgekommen sind –
(Fortsetzung folgt)
Jean Paul »Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht (1801)«
Am Abend hören wir in den Nachrichten, dass dem Radrennfahrer Lance Armstrong wegen Dopings endgültig alle sieben Siege bei der Tour de France aberkannt werden sollen, und dass Spanien auf Ramschniveau herabgestuft worden ist.
»Spanien ist ein Land mit Menschen, die über Jahrhunderte Kulturgeschichte geschrieben haben«, meint Peter. »Das zählt wohl bei dieser Rechnung nicht.«
Schon gleich folgt Stationstafel 106.
Science Fiction – Im Jahre 100 000 (Teil 2)
Wenn die Handwerker und Gelehrten in immer kleinere Subsubdivisionen auseinandergewachsen
Wenn das letzte wilde Volk aus seiner Puter-Eierschale ausgekrochen, und zwar schneller als das erste, weil alle zahme an der Schale hackten,
wenn zwischen allen Völkern, wie jetzt zwischen Herrnhutern und Juden, die Schiffe wie Weberschiffe verwebend hin- und herschießen und der Thüringer seinen nordamerikanischen Reichsanzeiger
mithält und den afrikanischen Moniteur –
Himmel! wenn dann der ganze Globus schreibt, der Nord- und der Südpol Autor ist und jede Insel Autorin, wenn Rußland die Werke selber verfertigt, die es eben daher früher nicht eingelassen, und die Molukken mit den Gewürzen aus Habsucht die Makulatur dazu liefern und die Kamtschadalen alle die Blasphemien, Zweideutigkeiten und Höhnereien, die sie vorher mündlich verrauchen ließen, besser in Romane auffangen;
wenn natürlicherweise eigne Städte gebauet werden müssen, wo bloß Bücher wohnen, so wie ganze Judengassen bloß für schreckliche Registraturen;
wenn die Menge so herrlicher Genies und die Menge der Nationalgeschmäcke so vieler Inseln, Küsten und Jahrhunderte die höchste Toleranz,
Übersicht, Vermischung und Laune geboren –
(Fortsetzung folgt)
Jean Paul »Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht (1801)«

Endlich geht es hinauf auf den Rodersberg.
Ja – und da oben steht sie dann: Stationstafel 107. Zufällig hatten wir sie im letzten Winter (Januar 2012) beim Spazierengehen mit Fidel entdeckt. Von der Existenz eines Jean-Paul-Weges hatten wir überhaupt keine Ahnung. Vom Dichter selbst wusste ich quasi nichts. So wenig kann man wissen, auch wenn man studiert hat. Krass. Egal. Der bloße Text auf der Tafel berührte uns auf unerwartete Weise. So sehr, dass wir mehr wissen wollten. Wer hat ihn geschrieben? Wann? Wo? Und warum?
Science Fiction – Im Jahre 100 000 (Teil 3)
Wenn man die Wolken so richtig wie kürzere Sonnenfinsternisse prophezeien kann, Schwanzsterne ohnehin; und wenn die Flora und Fauna im Monde so
gut bearbeitet ist als die Länderkunde des Abendsterns –
Wenn alle Raffaele verwittert, alle jetzigen Sprachen gestorben, neue Laster und alle mögliche Physiognomien und Charaktere dagewesen, die
Zartheit und Besonnenheit und Kränklichkeit größer, die Hohlwege zehnmal tiefer und die tiefsten Wahrheiten platte geworden –
Wenn Flotten von Luftschiffen über der Erde ziehen und die Zeit alle ihre griechischen Futura durchkonjugiert –
Wenn alles unzählige Male dagewesen, ein Gottesacker auf dem anderen liegt, die alte runzlichte graue Menschheit ein Jahrtausend nach dem
anderen vergessen und nur noch, wie andere Greise, sich ihrer schönen Jugendzeiten in Griechenland und Rom erinnert und der ewige Jude, der Planet, doch noch immer läuft ––
sag an, o bleicher Jüngling, wann schlägt es in der Ewigkeit 12 Uhr, und die Geisterstunde der Erd-Erscheinungen ist vorbei?«
–
Jean Paul »Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht (1801)«
Wie konnte jemand vor über zweihundert Jahren Szenen entwerfen, die heute Wirklichkeit geworden sind? Dass zum Beispiel Städte zusammenwachsen und Paris nur noch ein Stadtviertel ist? Dass Wetter und Wolken präzise vorhergesagt werden können und der ganze Globus schreibt? Wie konnte jemand die Hektik, den Wahnsinn, die Beschleunigung unserer Zeit erahnen? Die Apokalypse der Weltkriege? Digitalisierung, Globalisierung und Turbokapitalismus? Wieso teilt ein Mensch aus jener Zeit mit uns heutigen Menschen das Gefühl, in die Welt brüllen zu müssen: »Wann hört endlich einmal dieser Wahnsinn auf?!«
Der Mensch kann nur durch den Menschen Mensch werden
Noch bevor die Uhr zwölf schlägt, kommt Hermine zurück. Er ist unendlich erleichtert, sie zu sehen: … als auf einmal eine blühende, beseelte [Gestalt] die Türe öffnete und durch die luftigen Figuren durchging und mit einer teuern lebendigen Stimme meinen Namen nannte: ach es war meine Hermina. O wie der Mensch nur durch den Menschen in das Tageslicht des Lebens tritt, […] …
Ihr Erscheinen kommt einer Erlösung gleich. Doch Hermine ist erschrocken, ihren Mann so in diesem Wahnsinnszustand anzutreffen. Er aber kann sie beruhigen. Nur Hunger, Frost, Einsamkeit und Schmerzen hätten ihn vorübergehend in Wahnsinn und Fantasterei getrieben.
Jean Paul hatte die Geschichte »Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht« quasi selbst geträumt. Träumen und seine Träume beschreiben konnte er hervorragend. Das war sein Elixier. Er nippte daran, und schon ging die Reise los. Ob durch Jahrhunderte oder durch Welten, durch Wasser oder durch Lüfte, in Sekunden oder in Schiffen. Dann griff er in seine Wortmeere, fischte darin wie zufällig und setzte neue Planeten zusammen. Jedes Mal ging es auf, und alles war reicher als zuvor.
Jean Paul reist ohne Vehikel durch die Jahrtausende – und landet erstaunlich präzise in unserer Gegenwart. Wieso? Um die Zustände unserer heutigen Welt vorauszuahnen, musste Jean Paul kein Hellseher sein. Schon zu seiner Zeit wuchsen New York und London unfassbar schnell. Durch technische Errungenschaften wie die Erfindung der Dampfmaschine hatte die Industrialisierung längst an Fahrt gewonnen – also lange vor der Mitte des 19. Jahrhunderts. Jean Paul war ein informierter Mensch. Er brauchte die Zeichen seiner Zeit nur hochzurechnen – und war damit genau bei den Erscheinungen unserer Zeit.
Und wie endet die Geschichte der gruseligen Neujahrsnacht?
Hermine geht ans Klavier und singt ihr liebstes Abendlied, … mit den betenden Augen an den Sternen liegend; und unter den heiligen Tönen, die unser Herz verjüngten und es wieder in seinen ewigen Frühling trugen, löseten sanft und kaum bemerkt die Jahrhunderte einander ab. …
Bei uns ist es gerade Herbst. Und was für einer! In seinem Licht und Glanz denkt man fast, er sei ein Frühling und wolle uns verliebt machen. Der Weg führt mitten über einen Golfplatz, und der Rasen – also eigentlich das Green – lässt die Landschaft wie einen englischen Landschaftsgarten aussehen. Fehlt nur das Schloss darin.
Oft waren wir bei schlechterem Wetter oder gar im Winter hier, da war der Golfplatz verwaist. Heute, an diesem sonnigen Tag, ist so einiges los. Neben uns fährt ein Greenkeeper mit seiner Mähmaschine über das Grün. Bis zu hundert Mal im Jahr muss er das tun – im Sommer sogar täglich.
Ich habe mich schon immer gewundert, warum hier Wanderer ohne weiteres herumlaufen dürfen. Bei den vielen Golfspielern könnte man doch leicht einen harten Golfball an den Kopf kriegen, denn diese Spielgrüppchen sind sehr mit sich selbst beschäftigt. Bei allen öffentlichen Projekten wird so eifrig auf Sicherheit geachtet, dass fast nichts mehr möglich ist. Hier ticken die Uhren wohl anders – der Wanderer scheint vernachlässigbar. Weiter hinten entdecken wir tatsächlich ein Schild, das meine Frage beantwortet: »Betreten und Befahren auf eigene Gefahr!« Aha. Aber wer von hinten den Berg hochkommt, kann kaum ahnen, dass er sich auf einmal auf einem Golfplatz wiederfindet. Wie soll man da rechtzeitig aufmerksam sein?
Nun gut – Stationstafel 108 passt auch irgendwie prima hierher.
Vom reichen und armen Geiz
Der Bankier
–– diese fleißige Stadt und Menschen-Holländerei [Holländerei bedeutet in Norddeutschland eine Milchwirtschaft oder das Gebäude, in welchem dieselbe betrieben wird.] hatte das Glück, meinen Großohm zu behausen, den Herren von der Haft, einen edlen Bankier, der aus dem Geld nicht viel macht, sondern nur wieder Geld […] und daher weniger gibt als der Geringste.
Jean Paul »Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch«
Der Landschulrektor
Er bestellte lieber für sich und seine Gesellschaftskavaliere [Schüler] den ganzen Fußboden zum Nachtlager; bloß ein Merseburger Fuhrmann lag neben seiner Tochter, als Strohnachbar.
Dennoch übersetzte uns sämtlich am Morgen darauf der Wirt in seiner Liquidation [Rechnung] um zwei bis drei
Kreuzer leicht Geld, und zwar an dem selben Morgen, wo der Rektor das Vergnügen an der Natur vorzutragen hatte. Aber Fälbel glaubte seinen Schülern das Muster einer erlaubten Sparsamkeit dadurch
zu geben, daß er anfing, mit dem Traiteur [Koch] zu fechten […], daß er wirklich einen Groschen herunterhandelte und daß der müde Wirt giftig fluchte und
schwor, er wollte den Rektor und seinen Rudel trotz ihren Bratspießen, wenn sie wieder Geräuchertes bei ihm zehren wollten, mit Heugabeln und Dreschflegeln empfangen. Ein lächerlicher Mann!
[…]
Und als ich dem Wirte fruchtlos meinen Handschlag als ein Faustpfand und mein Ehrenwort als ein Expektanzdekret ehrlicher Bezahlung offerieret
hatte: mußt’ ich nur froh sein, daß er meine Tochter als eine Pfandschaft und ein Grundstück zum Versatz annahm und behielt, […]
Jean Paul »Des Rektors Florian Fälbels und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg«
Der Trick mit dem Geiz
»Reicher und armer Geiz«. Darüber muss ich nachdenken – denn dieses Thema ist im reichen Franken tatsächlich allgegenwärtig. Zunächst könnte man meinen, Geiz sei nur eine Art übertriebene Sparsamkeit. Aber nein. Geiz ist viel subtiler. Geiz ist eine bestimmte Art zu denken. Und wenn ich es mir jetzt recht überlege – bietet Geiz ganz nebenbei sogar Schutz. Sowohl für Reiche als auch für Arme. Ja. Unglaublich. Wenn man nach außen hin so tut, als würde man sparen, wird für Außenstehende nicht mehr erkennbar, ob man reich oder arm ist. Praktisch. Wer spart, ist nicht zwangsläufig arm. Mehr noch, wer nach außen hin extrem spart, ist wahrscheinlich sehr reich.
Deshalb müssen geizige Reiche – im Gegensatz zu protzigen Reichen – ihren Reichtum auch verstecken. Sie parken ihren Ferrari nicht dort, wo sie wohnen, sondern in einer anderen Stadt und fahren ihn nur ein paar Mal im Jahr – heimlich – aus. Wenn sie Wohnungen vermieten, nennen sie in der Anzeige nie den Mietpreis – bloß damit ihre Nachbarn nicht nachrechnen können, wie viel sie einnehmen. Wenn Geizige zu unvermeidlichen Festen – wie etwa runde Geburtstage – einladen müssen, kommen die Eingeladenen nicht zum Feiern, sondern zum »Schädigen« der Gastgeber – so nennen sie das. Wenn Geizige Gesellschaft brauchen, laden sie nicht zu sich nach Hause ein, sondern gehen ins Wirtshaus. Dort bezahlen sie nur ihr eigenes Bier und müssen sich nicht mit neugierigen, schnüffelnden Gästen in ihrem Haus herumschlagen. Wahrscheinlich gibt es deshalb in Franken diese – von den Franken selbst ganz unbeabsichtigte – herrliche Wirtshauskultur, die ich sehr liebe.
Apropos Kultur: Kultur brauchen Geizige auch nicht. Nur wenn ihnen Kultur – zum Beispiel in Form von Ausstellungs-Einladungen – geschenkt wird, »gehen sie schon mal hin gucken« – aber mehr zum Zeitvertreib als zur Horizonterweiterung.
Die Sache mit dem »schleichend Volk«
In diesem Zusammenhang muss ich auch immer wieder an das Wort »schleichen« denken, das Ludwig Börne in seiner Denkrede auf Jean Paul verwendet hat – und sehr häufig zitiert wird: »Er [Jean Paul] aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme.« (Stationstafel 118). Jetzt überlege ich: Meint Börne hier mit »schleichend Volk« vielleicht gar nicht das intellektuell langsam nachkommende Volk, sondern eher das umherschleichende?
Wann und warum schleicht jemand eigentlich? Wann und warum bewegt sich einer langsam und leise? Weil man unbemerkt bleiben will? Zum Beispiel beim heimlichen Herumschnüffeln? Dann schleicht man. Der Geizige schnüffelt da schon mal gerne umher. Denn das Einzige, das den Geizigen in seiner einsamen, langweiligen Welt wirklich plagt, ist nicht Sorge, Not oder Scham. Auch nicht Eifersucht oder Neid, wie man vielleicht meinen könnte. Nein – es ist Neugier. Neugier darauf, was der Nachbar so treibt oder besitzt. Doch von dieser Neugier darf der Nachbar natürlich nichts erfahren.
Neugier ist eine Gier. Gier ist ein heftiges, ungezügeltes Verlangen, fast schon eine Sucht. Gier öffentlich zu zeigen bedeutet dann so etwas wie, sagen wir mal, eine Abhängigkeit preiszugeben. Das würden Geizige nie tun. Nie würden sie zeigen, dass sie auch nur irgend eine Not haben. Dann könnten sich ja die Nachbarn im Vorteil fühlen. Also verstecken Geizige vorsorglich alles. Sie leben in einer heimlichen Welt – mit heimlichen Schätzen, mit heimlichen Gefühlen und heimlichen Gedanken. Geizige reden sich ein, die Kunst des Versteckens perfekt zu beherrschen. Doch letzte Zweifel können sie nicht beseitigen. So sind sie zwar irgendwie ständig gestresst – aber in tiefer existenzieller Not? Nein, die kennt der Geizige gar nicht. So gesehen erleben Geizige auch selten seelische Zusammenbrüche. Ihnen geht es gut.
Um auf Börne zurückzukommen: Ein reicher, gut versorgter, innerlich stabiler Geiziger bewegt sich nicht, er geht nicht, er wandert nicht – er schleicht heimlich. Das ist seine Gangart – also das Ergebnis einer unveränderbaren Dauerbefindlichkeit. Vielleicht meint Ludwig Börne in seiner Denkrede mit dem Ausdruck »schleichend Volk« genau diese Art Volk? Wird dann dieses »schleichend Volk« Jean Paul jemals nachkommen können oder wollen?
Es geht ins Tal des Roten Mains. Erst langsam durch ein Wäldchen, dann an Wiesen entlang und anschließend einen steilen Hang hinunter. Jetzt wird es matschig. Oh Gott, hier sind auch schon viele Rutschspuren unserer Vorwanderer zu sehen. Rettende Ausweichpfade? Nope. Wir befürchten, da hilft nur: Augen zu und durch. Mit ein paar Kreischern meistern wir schließlich die schwierige Passage.
Das Wandern und die Distanzen
Weiter entlang am Flussufer. Auf der anderen Seite erkenne ich auf einmal die Parkanlage der Bayreuther Eremitage. Also – vom Golfplatz aus gelangt man auch dorthin!
Ich bin erstaunt, wie nahe hier alles beieinanderliegt: Bindlach – Golfplatz – Eremitage. Wenn man die Strecken nur mit dem Auto fährt, sieht alles ganz anders aus und erscheint einem viel weiter auseinander. Jetzt entsteht ein komplett neues Bild von der Stadt und ihrem Vorort. Ein schöner Nebeneffekt des Wanderns. Man versteht auf einmal die Verbindung von Tälern, Bergen, Wäldern, Feldern, Bächen, Wegen und Plätzen. Distanzen schrumpfen sogar, wenn man sie erwandert. Zu Jean Pauls Zeiten war »Wandern« gleichbedeutend mit »Reisen«. Man ging zu Fuß über Landwege von Hof nach Bayreuth. Eine Tagesreise. Das war normal.
Mich erinnert das an meine Aussteigerzeit in den frühen 80er-Jahren. Ich jobbte damals in einem Hotel in Monschau, einem mittelalterlichen Touristenstädtchen in der Eifel. Es liegt unten im Tal der Rur. Ich selbst wohnte oben auf dem Berg, im benachbarten Dorf Rohren, in einer alten Bauernkate. Als Öko-Tante hatte ich natürlich kein Auto. Also ging ich die fünf Kilometer zu Fuß nach Monschau – täglich etwa fünfzig Minuten bergauf, bergab, durch Wälder und über Wiesen. Anfangs stöhnte ich: »Ach Gott, zu Fuß!« Aber dann wurde dieser Weg herrlich. Ich freute mich auf ihn.
Vielleicht erging es Jean Paul und seinen Zeitgenossen ähnlich? Und wen traf man unterwegs nicht alles! Bauern, Knechte, Mägde, andere Fußreisende, Handwerker auf der Walz, Krämer auf dem Weg zum nächsten Markt, Dichter, Wissenschaftler, Studenten, Kinder mit vollgepackten Quersäcken, die Verwandte besuchten …
Wir erreichen eine kleine Brücke und überqueren nun den Roten Main.
Und finden hier neben ein paar ersten kleinen, knallroten Fliegenpilzen auch Stationstafel 109.
Die Ausweitung der Mehrwertsteuer
»Anlangend das Geld,« (fuhr ich fort) »dieses Herz des innern Menschen, so bedaur’ ich seit Jahren die Staaten, die es verfressen und
versaufen. Die besten schneiden ihren Festungs-Sassen nur das Kaffeewasser ab; aber warum lassen sie zu, daß der Kaffee seine Repräsentanten ins Unterhaus schickt, Zichorien, Eicheln, Rüben und
den Satan? Warum stopft man – dieselben Gründe schreien – der Glückseligkeitslehre nur eine Quelle zu? Warum wird Tee, Wein, Fleisch, Bier, Gebacknes so frei zugelassen? Desgleichen Obst,
Gemüse und alles nur Leckerhafte, da gesundes Brot seinen Mann ernährt? – Mit alle diesem könnte ja gehandelt werden nach auswärts und ein hübscher Pfennig Geld ins Inland gespielt – alle Waren
würden, wenn mans täte, wie bei den edeln Holländern die französischen Bücher, nur spediert und verlegt, ohne das geringste Konsumo – Ulrichschlager! würde dann nicht das Staatsgebäude ein
großer, blanker Silberschrank und alle Untertanen Preziosa für den Fürsten, die er angreifen könnte in der Not?« –
Jean Paul »Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch«
Das Geld ist nun bei den europäischen Nationen das Äquivalent und der Repräsentant des Wertes aller Dinge und folglich des Verstandes, um so mehr, da ein Kopf drauf steht.
Jean Paul »Leben des Quintus Fixlein«
Dazu bekomme ich heute keinen Kommentar mehr zustande. Mir raucht der Kopf. Der Text ist kompliziert, ich verstehe ihn schlecht und müsste recherchieren und suchen und nachlesen … Und dann läuft im Hintergrund auch noch der Fernseher mit dem Parteitag der SPD. Heute ist Sonntag, der 19. März und Josefstag. Ein Hochfest der römisch-katholischen Kirche zu Ehren des hl. Josef, des Bräutigams der Gottesmutter. Es markiert zugleich das Ende des Winters. Martin Schulz hält gerade seine flammende Rede. Ich finde sie gut – insbesondere, dass Kunst und Kultur in die Mitte der Gesellschaft gehören, Frauen und Männer immer gleichberechtigt sein müssen, egal, was eine Religion dazu sagt, und dass eine Demokratie Hetze niemals zulassen darf, und man Diktatoren deutliche Grenzen setzen muss. Und – wird das jemals Wirklichkeit? Und überhaupt – Jean Paul hat übermorgen Geburtstag.
Mir kracht der Magen, ich will ein Sektchen, dann gibt es Reis, roten Paprika in Butter gebrutzelt, grünen Spargel und Riesengarnelen. Ja, jeder Sonntag ist auch ein Feiertag.
Nachtrag zur Stationstafel 108 und 109
Die Passage stammt aus »Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch«, genauer gesagt aus »Zehnte Fahrt: Stadt Ulrichschlag – Herr van der Haft – der Staat ein Industriekontor – Kleiderordnung für Bücher«. Giannozzo (also Jean Paul selbst) fliegt mit seinem fantastischen Luftschiff über die Erde und macht aus dieser Perspektive unzählige Beobachtungen und sich ebenso unzählige Gedanken. Manchmal, wenn er dem Treiben unten nicht mehr zusehen kann, landet er und stattet Besuche ab.
Von seiner Reise verfasst er einen Bericht – das »Seebuch« –, aufgeteilt in vierzehn Fahrten.
Auf der zehnten Fahrt landet Giannozzo in der Stadt Ulrichschlag und besucht dort seinen Großohm, Herrn van der Haft, einen Bankier. Giannozzo möchte bei ihm einen Wechsel einlösen. Und nun entspinnt sich im Folgenden eine jeanpaulisch-labyrinthische Schilderung der Handlungs- und Gedankenwelten von Menschen, die in Gelderträgen denken und sich ausmalen, womit sich noch alles Geld verdienen ließe – und wie es sich anschließend weiter vermehren könnte. Vor dieser Sucht sind auch Staaten nicht gefeit, denn was könnte man nicht noch alles aus seinen Untertanen herausholen?
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